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CAIETUL CINCI AL GRUPULUI DE REFLECŢIE PRIVIND DEMOCRAŢIA REALĂ
Un înscris al lui Ștefan cel Mare, valabil și pentru concetățenii de astăzi; Jaful retrocedărilor
Aurul și petrolul României- Eugen COJOCARU, Sorin Golea, Prof.univ.dr.ing. Marian RIZEA,Corneliu Leu, DAN UNGUREANU, Elena MEDAR
Corneliu Leu în franceză, română și germană - o traducere de Gabriela Căluțiu Sonnenberg- Partea I
Corneliu Leu în franceză, română și germană - o traducere de Gabriela Căluțiu Sonnenberg- Partea I
Articole de: Marian BARBU, Constantin SCHIFIRNEȚ, Ioan LILĂ, Adrian BOTEZ, Paula ROMANESCU, Ioan Anton DATCU,Georgica MANOLE, IonuțCARAGEA Despre: Dan LUPESCU, Constantin TRANDAFIR, Ion PACHIA-TATOMIRESCU, George CORBU, Lucia OLARU-NENATI, Ileana-Lucia FLORAN, Bianca DAN - partea I
Articole de: Marian BARBU, Constantin SCHIFIRNEȚ, Ioan LILĂ, Adrian BOTEZ, Paula ROMANESCU, Ioan Anton DATCU,Georgica MANOLE, IonuțCARAGEA Despre: Dan LUPESCU, Constantin TRANDAFIR, Ion PACHIA-TATOMIRESCU, George CORBU, Lucia OLARU-NENATI, Ileana-Lucia FLORAN, Bianca DAN - partea II
Proză de Dorina ȘIȘU și versuri de Gabriela PACHIA, Adrian BOTEZ
Versuri de Cornel BĂLESCU, Stefan DUMITRESCU, Traian VASILCĂU
DIN FOLCLORUL INTERNETULUI - Partea I
Din folclorul internetului - Partea II
Din folclorul internetului - Partea III
 
                        DER BEHAARTE, INCOGNITO
                von Corneliu Leu    

Übersetzung: Dr. Gabriela Căluţiu Sonnenberg
   Lektorierung: Mag. A Elke Barbara Müller


1.
    Valentinas altes, von ihren Eltern vererbte Haus war der Grund warum sie und Alexe, zwei arme und fleißige Studenten, die bei ihren Lehrern an der Uni als Tutoren sehr geschätzt waren, am Ende doch auf die akademische Laufbahn verzichteten und in die Provinz gingen, wo sie immerhin unter einem sicheren Dach leben konnten, ohne jemandem einen Groschen Miete zu schulden.
    Das Haus verkam, da die Alten sehr früh verstorben waren, noch ehe sie ihre Tochter als Ärztin erleben konnten. Doch die beiden legten Hand an und wenn auch langsam, sie renovierten es gründlich. In der kleinen Gemeinde sprach sich diese gute Nachricht schnell um. Sie waren fleißig und zuverlässig und so kam es, dass bald die Bauern morgens, noch vor ihrem Gang zum Viehmarkt, gleich ihre Kranken mitsamt Geschenken, in Form von fetten Hühnern, an den Beinen zusammengebundene, sonstige gefiederte Tiere, beziehungsweise ein Maß Maismehl, Eier oder ein Käselaib mitbrachten. Auch die ferne Verwandtschaft bekam ihren Anteil und wurde obendrauf von Valentina medizinisch behandelt, umsonst, denn sie hatte nicht vergessen, dass sie durch viele von ihnen während ihrer Studienzeit unterstützt wurde.
Der Zaun war immer noch derselbe wie früher, üppig überwuchert von Jasmin und Klette, genau so wie zu jener Zeit, als sie zusammen mit dem jungen Drăgan gesehen wurde, der damals noch auf der Suche nach Arbeit war. Ähnlich erging es auch der Pforte, die später, beim Ertönen eines dem Stargesang nachempfundenen Pfiffes, sie nach draußen rief. Die Ellbogen auf den Zaun abgestützt hörte sie ihm nachdenklich zu und ihr Gesicht zeigte mehr Weisheit und Treue als Liebe. Lediglich das schicke, emaillierte Schild mit der Bezeichnung „Doktor Valentina Alexe” vermittelte den heimlichen Stolz von zwei ehemals armen Kindern, die in der großen Universitätsstadt auf den Ruhm einer akademischen Karriere verzichtet hatten, um eben hier ein bescheidenes, ehrliches Leben zu führen. Denn Valentinas Gründlichkeit machte die Runde, vor allem bei Prüfungen, während Alexe, abgesehen von seiner Tutorenstelle beim großen, legendären Geschichteprofessor, auch die Studentengruppe der fortgeschrittenen Partei führte, in dessen Kreise er mit den gewagtesten, emanzipiertesten Persönlichkeiten und erstklassigsten Intellektuellen Ideen austauschte.
Dafür ersann er nun in ganz eigener Manier persönliche Rache. Er wandelte seinen ganzen Frust in Arbeit um, indem er sich beim Hausrenovieren so richtig rein kniete und austobte, denn natürlich machte er alles selbst. Ja, er half sogar dem Meister beim Bau seiner makellosen, weißen, mit großen Fenstern versehenen Praxis. Innerhalb von zwei Jahren gelang es ihm, sämtliche Lehrer, Agronomen, Verwalter und Beamte der Umgebung in eine ordentliche Gruppe zusamme zu bringen, die ihrem Rang als sich als Apostel verstehende Intellektuelle durchaus Ehre machte. Nicht einmal die alltäglichen Sorgen und auch nicht die Geburt seines Sohnes vermochten es, seine Aufmerksamkeit von den wichtigen Zielen der höheren Ebene abzuziehen. So war es auch nicht verwunderlich, dass eben der berühmte Professor ihm die Ehre erwies, auf der Taufe seines Sohnes als Pate zu erscheinen, denn es herrschte eine Selbstverständlichkeit unter ihnen vor, die keineswegs an unverdientes Emporkommen denken ließ. Gestützt auf ihre ehrliche Denkweise, auf Bildung und Moral, wuchs auch der gute Ruf seiner Organisation. Die Bürger schauten zu ihm hoch, seine entschlossene Art die Ideale der Agrarpartei (rum. Partidul Sămănătorist) auf die Bedürfnisse der Bauern anzuwenden und die Tatsache, dass er selbst dem bescheidenen Umfeld derselben entsprungen war, schafften Vertrauen. Natürlich gab es viele Genossen innerhalb von reicheren, aktiveren Parteien, die sich über ihn lustig machten. Als gestandene Geschäftsleute, die ihren obskuren Aktivitäten in der durchaus glamouröseren Grauzone der Gesellschaft nachgingen und diese gern als politische Raffinesse oder Wahlvorteile weiterverkauften, verschmähten diese ihn und seine Parteigenossen, doch das interessierte ihn herzlich wenig.
Es war dies auch eine Genugtuung für die beiden Dorfintellektuellen, die es immerhin geschafft hatten, nachdem sie in einfachen, perspektivelosen Umständen aufgewachsen waren, sich aus eigener Kraft nach oben zu verdienen. Ihre einzige Chance hatten sie genutzt und, als sie alleine auf der Welt geblieben waren, bestärkten sie sich gegenseitig weiter und lernten begierig und trotzig immer mehr dazu. Inmitten einer vielfältigen und feindlichen Umgebung schafften sie es jedes Mal aufs Neue, selbst dann wenn die Situation hoffnungslos erschien und ihre Ressourcen praktisch erschöpft waren. Am stärksten war jedoch das Gefühl des Zusammenhalts, die unglaubliche Kraft ihrer jungen Liebe, die sie schon als Teenager zusammenschweißt hatte. Nur dieser Liebe hatten sie die Tatsache zu verdanken, dass sie die härtesten Prüfungen heil überstanden hatten und an solchen Stellen Fuß fassten, wo sie spürten dass sie es zu etwas bringen konnten, wo sie aus sich etwas machen konnten. Dieses Gefühl ist bei armen, intellektuellen Paaren gar nicht selten; oft werden sie für ihr Leben dadurch geprägt, denn es schafft eine echte Kommunikation, die sie zu einer fast geschlossenen, unglaublich festen Einheit wachsen lässt, deren eigentlicher Halt im absoluten, bedingungslosen Vertrauen liegt.
Auf dieser Weise besaß Alexe im Umgang mit den Menschen eine gewisse Ausstrahlung, die sich in aufmerksamen, ausgeglichenen Gesten äußerte, eine Art, die nur durch festen Halt in der Familie zu erreichen möglich ist; Valentina, mit zierlicher Gestalt und ernster Miene, strahlte eine ähnliche Ruhe aus, denn sie spürte an ihrer Seite die Schulter eines rechtschaffenen Mannes, an dessen Entwicklung sie persönlich mitgewirkt hatte. Dazu kam, dass er mit ihr intim verbunden war, so dass sie fast das Gefühl hatte, als wären die beiden auf ewig füreinander vorbestimmt. Alles beruhte auf ihren gemeinsamen Erfahrungen und auf der Tatsache, dass sie, ganz allein auf sich selbst gestellt, immer zusammen gehalten hatten.
Ihre Suche war ein gemeinsames Unterfangen, denn das, was er unter den Männern tat, bewirkte sie bei den Frauen. Jene waren verschwiegen und scheu, so wie es am Lande üblich ist, doch ihre Hilfe nahmen sie gerne entgegen. In ihrer Rolle als Ehefrau, enge Vertraute, Partnerin und beste Freundin ihres Mannes erfüllte sie ganz selbstverständlich und ohne darauf herum zu reiten die Rolle der modernen Frau.
    Genau diese Eigenschaft seiner Frau half ihm ganz besonders, als er die große Enttäuschung mit der Partei des Professors einstecken musste. Den damals, in dem Krisenjahr, nach dem politischen Umsturz, als der König Karl seinen Sohn und dessen Regenten wegfegte um sich selbst auf den Thron zu katapultieren – zugegeben, er machte es auf einer etwas abenteuerliche Art – war noch nicht voraussehbar, dass er sich später als Diktator entpuppen sollte. Um ein Zeichen zu setzen und als Warnung an die Politiker bildete er eine neue Regierung. Und er war schlau genug, um berühmte Persönlichkeiten in sein Boot zu holen, wie zum Beispiel den bereits legendären Professor für Geschichte, den er kurzerhand zum Premierminister machte.
    Ob der König davon profitiert hat bleibt umstritten, aber ganz sicher erfuhr Alexes´ Anerkennung sozusagen einen heftigen Aufschwung unter diesen neuen Umständen. Die lokalen Intellektuellen hatten jetzt, plötzlich, nach langer Unterdrückung und Demütigung vonseiten der kleinbürgerlichen Krämerklasse, einen neuen Helden. Alle sahen in ihm schon den zukünftigen Bürgermeister, wenn nicht sogar etwas noch noch Größeres, jemanden auf höherer Kreisebene. Das Unheil war aber leider, dass, bedingt durch die Eigenheiten der frisch gebildeten Koalition, der lokale Verwaltungskreis ausgerechnet der Gegenpartei zugeteilt wurde, einer Partei, die kein Interesse an Studentenwählern zeigte, sondern eher dem Metzgerbaron zugeneigt war.
Darüber verlor Alexe kein Wort. Er wurde lediglich stiller, trauriger. Man konnte förmlich sehen wie ihn düstere Gedanken umkreisten. Misstrauisch, reizbar, benahm er sich wie ein beleidigter Mensch, dessen tiefste Gefühle enttäuscht wurden. Seinem Mitstreiter erklärte er wortkarg, dass er sich ab sofort nicht mehr mit Politik befassen wolle. Nur Valentina kannte ihn gut genug, um das Ausmaß seiner Enttäuschung zu erahnen. Als ihr bewusst wurde, wie sehr er sich quälte, nahm sie den Zug und erschien an der Tür des geliebten Mentors in der Großstadt, samt vorschriftsmäßiger Beigabe, so wie man es von anständigen Verwandten aus der Provinz erwartet.
Als sie zurückkehrte, umarmte sie ihn ganz lange und teilte ihm mit, dass er Recht behalten hatte. Das war das einzige was sie tat, während sie sanft sein Gesicht streichelte. Sie schämte sich, ihm zu sagen, dass der Professor ihm mitteilen ließ, in der Politik müsse man viel Geduld haben. Anders gesagt, viel schlimmer als die pathetischen politischen Reden, die der Professor in kleinen, privaten Kreisen zu halten pflegte, war die Feststellung, dass selbst er, als stark bewunderter Held in die Knie gezwungen wurde und sich seine eigene Ohnmacht angesichts der politischen Machschaften eingestehen musste. Er hatte sich auf die Gegnerseite geschlagen besiegt vom verdorbenen System und machte dazu noch einen tiefen Knicks vor dem doch so bösartigen König.
Valentinas Umarmung nahm einfach kein Ende, denn damit zeigte Alexe wie ihr Zweigespann, trotz unbarmherziger, widrigster Umständen immer stabiler und stärker wurde, ausgehärtet von den argen Witterungen des Lebens. Ihre vollkommene Einheit gewann dadurch mehr Halt, denn diese Schicksalsschläge kamen ja von außen, sie waren eigentlich nur weitere Proben, die ihre Liebe auf den Prüfstand setzten, überhaupt gar nicht wichtig genug, um ernst genommen zu werden.
Alexe war ein sturer Agnostiker, der sich gern mit Atheismus-Demonstrationen befasste, manchmal nur deshalb, um sich selbst zu beweisen, dass er mit seinen intellektuellen Ambitionen immer noch die Kleinlichkeit des Alltags Anderer, die es besser als er im Leben hatten, besiegen konnte. Also bedankte er sich nicht einmal beim lieben Gott für das wunderbare Geschenk, eine derart liebe- und verständnisvolle bessere Hälfte geschenkt bekommen zu haben. Aber er fand Zuflucht im warmen Nest seiner Familie, von Liebe umgeben, so dass selbst er, als purer Rationalist, sich gezwungen sah zu gestehen, dass ihr Vertrauen zueinander fast religiöse Züge aufwies. Ihre geheimnisvolle Einheit gewann enorm an Bedeutung, denn sie schöpften immer mehr Kraft aus der Quelle des intellektuellen Bündnisses, das sie so stolz machte. Es war ihr einziger und alleiniger Verdienst, diese Vollkommenheit erreicht zu haben.

2.
Der Mann, den Valentina eintreten ließ, nachdem sie ihm das Tor aufgehalten hatte, strahlte etwas Beeindruckendes aus; seine Haltung war irgendwie stolz, aber auch eigenartig zurückhaltend. Er trug Kleider von guter Qualität, aber sie waren ein klein wenig abgewetzt.
„Was soll dieser Behaarte da?“ – fragte sich Alexe, als er Valentinas unerklärliche Aufregung und Begeisterung registrierte, eine Herzlichkeit die er sonst bei ihr nur in bestimmten Fällen erlebte, wenn sie etwas Erfreuliches ankündigte.
„Hier ist jemand für dich!“
Und, obwohl der Mann in einem sehr gemäßigten Ton sprach, konnte man die bestimmenden Akzente in seinen Worten erkennen:
„Ich heiße Anton Celaru, mein Herr, und ich bin absichtlich an diesem Bahnhof ausgestiegen um sie zu treffen! ...“
Gewiss klang sein Name recht beeindruckend, vor allem wenn er ihm durch seine klangvolle Stimme Audruck verlieh, doch Alexe konnte seinen ersten Eindruck nicht loswerden, nämlich den, dass es sich hier um einen recht behaarten, wilden Sonderling, vielleicht auch um einen Vagabunden, handeln konnte. Also beließ er es beim „Haarigen” und schaute ganz interessiert auf seinem weichen, krausen Vollbart, der einer faltigen, von Unruhen gezeichneten Wange entsprang, die ihn entfernt an seinen Cousin Drăgan erinnerte.
„Als ich sie mit Valentina kommen sah“ – sprach er und meinte damit die ungewöhnliche Freundlichkeit, die er bei seiner Frau gespürt hatte – dachte ich es handele sich um einen meiner Neffen, der auch so eine, hm… Ausstrahlung hat.
„Eine wilde Ausstrahlung, nicht wahr!“ – erwiderte der Fremde amüsiert:  „Sie meinen wohl den Drăgan, oder nicht?!“
„Sie kennen ihn?“
„Nicht persönlich; aber gehört habe ich von ihm... Ich weiß, also... So wie ich auch von Ihnen gehört habe!“
Bereits angezogen befand sich Valentina eigentlich auf dem Weg zum Krankenhaus, doch sie kehrte noch einmal zurück ins Haus und legte ihre Tasche weg. Wohlgemerkt kein schickes Accessoire, sondern um ihren „Werkzeugkoffer“ handelte es sich, denn er enthielt alles, was man  für dringende Notfälle braucht. Dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit dem Mädchen, welches sich in Begleitung des Haarigen befand. Liebevoll wie eine Mutter half sie ihm aus dem Oberkleid und begleitete es ins Nachbarzimmer, wo der kleine Paul auf seinem Hochsitz am Tisch saß. Mit Lätzchen um den Hals gebunden wartete der Kleine darauf, dass ihm sein Vater die Butter aufs Brot schmierte. Es war der Tag, an dem der Vater dran war, was dem Kleinen sehr gefiel, denn an solchen Tagen saßen sie unter sich wie anständige Männer und er aß aufrichtig alles auf, wie es sich gehört, ohne, wie bei seiner Mutter, zu quengeln.
Die Ankunft des Behaarten um diese fast heilige Stunde störte die Familienidylle; Valentina, auf ihrem Weg aufgehalten, agierte instinktiv nach dem Muster der selbstverständlichen Gastfreundschaft, welches ihr im Blut lag, übermittelt von Generation zu Generation. Sie streichelte den Kopf des Mädchens, um ihr die Scheu zu nehmen und platzierte sie am Tisch vor Alexes´ Gedeck, ihrem Sohn gegenüber.
„Es ist sehr gut so“ vertrieb sie die Zurückhaltung des Mädchens „ schau nur wie er sich freut, dass du mit ihm zusammen isst. Ich freue mich, ja, das freut mich sehr“ brabbelte der Kleine in sein Lätzchen.
Alexe versuchte nicht einmal sein stolzes, väterliches Lächeln zu verbergen und blickte etwas überrascht zu dem Mädchen hinüber, das sich unter Valentinas liebevoller Betreuung sehr wohl zu fühlen schien.
„Das ist meine Nichte. Sie hat das Schuljahr mit „hervorragend” abgeschlossen. Als Belohnung nehme ich sie jetzt mit in die Ferien ans Schwarze Meer und dann fahren wir noch eine Runde durchs Land; so sind wir auch bei Ihnen hier angelangt“ meinte der Behaarte so, als ob er sich erklären müsste  „Ich, in der letzten Zeit...“
Doch, als ob sie die guten Schwingungen gespürt hätte, näherte sich Valentina mit zwei Kaffees und meinte locker, ihrer weiblicher Intuition folgend:
„Ach, lassen Sie das; trinken Sie erst einmal was und nachher können sie sich in Ruhe unterhalten. Wegen Paul machen Sie sich bitte keine Sorgen; schauen Sie nur, wie er vor Freude regelrecht aufblüht!“
Durch die offene Tür konnte man das Mädchen sehen, die sich Valentinas Art kleine Butterbrote aufzuschmieren und aneinander wie Zinnsoldaten anzureihen schon angeeignet hatte und fleißig weitermachte; der Bub lachte glücklich. Wie beiläufig, nebenbei, bemerkte Alexe erneut und mit Freude die Gabe seiner Frau, die einfachsten alltäglichen Aufgaben in kleine Festgesten zu wandeln. Sie tat dies mit einer Hingabe, die alles um sie herum in ein warmherziges, fast heiliges Licht tauchte, und das sogar dann, wenn Fremde in der Nähe waren.

3.

„Also, selbst wenn sie meinen Cousin nicht persönlich kennen, sie wissen schon welche Denkweise er vertritt“ versuchte Alexe das Gespräch weiter zu knüpfen und nebenbei merkte er, dass sein Gegenüber doch wesentlich kleiner war so wie es sein erster Eindruck gewesen war. Wenn er nicht diese freche Räuberhaltung gehabt hätte, könnte man ihn leicht in der Menge übersehen, dachte er sich. Er war kein Riese, wie Drăgan, aber durch seine unglaubliche, wirre Mähne, durch die Art wie er seinen reich verzierten Schafsfellrock auf den Schultern trug und die provozierende Pose, die er offensichtlich gerne einnahm, flößte er Respekt ein, vielleicht mehr als sein Cousin. Es war, als ob er unentwegt etwas zu verteidigen hätte, immer bereit dazu, einem unsichtbaren, vermeintlichen Feind schlagfertig Paroli zu bieten. So kam auch sofort die Antwort auf Alexes´ Frage wie aus einem Gewehr geschossen.
„Eben das ist es, Herr Lehrer, dass ich ihn kenne und von ihm vieles gehört habe, doch weiß ich immer noch nicht genau was er im Schilde führt, obwohl ich mir das sehnlichst wünsche!“
„Und Sie sind zu mir gekommen, um das zu erfahren“ stellte Alexe fest und machte sich daran, ihn auf eine kleine Enttäuschung vorzubereiten. Dann erwähnte er die etwas abgekühlte Beziehung, die er schon immer zu seinem Cousin hatte, von der Zeit an, als dieser in verschiede Gerichtsverfahren involviert war, als die Leute vom Hafen offen rebellierten und hingingen, um ihn zu verteidigen. Ihn, Alexe, hatte er immer zur Seite geschoben, als ob sein Cousin ihn für irgendetwas Ungewisses bestrafen wolle.
„Nein, hierher bin ich gekommen, um in erster Linie Sie kennen zu lernen. Ich will auf Tuchfühlung gehen, denn ich bin der Meinung, dass Sie ein Patriot sind“ kam genau so unerwartet die Antwort aus dem vom dicken Schnurrbart überwucherten Mund, begleitet von heftigem Ein- und Ausatmen, genauso wie das aufwühlende Wesen seines Trägers.
„Sie halten Drăgan nicht für einen Patrioten?“  unterbrach er die Logik der Diskussion; aber es gelang ihm nicht, den Anderen zu provozieren, denn man konnte schon erahnen, dass er ein ganz klares Konzept verfolgte und kaum erwarten konnte, es zu erläutern:
„Ich könnte Drăgan zu meinen Fittichen zählen, wenn ich wüsste ob ich selbst einer von ihnen bin. Aber ich hatte nicht die Gelegenheit, seine Bekanntschaft zu machen, mein Herr, weil ich bis vor einigen Jahren im Ausland war, und seitdem ich zurück bin steckt er in diesem Prozess fest... „  Plötzlich schien er sich selbst zu trösten: Na ja, er hat seine Leute, die Gewerkschaften, die ihn stützen. Ich habe mich zurück ins Land geschlichen, lieber Herr und ich suche die Nähe der Menschen, die mit mir etwas gemeinsam haben, Menschen mit denen ich was Neues beginnen kann... Stattdessen, in dieser Bewegung, wo Alles Allen gehört und geteilt wird, gibt es viel zu viele Diversionen, die ich den Leuten erklären müsste, sie informieren und auf dem Laufenden halten...
„Sie sprechen von Drăgans Bewegung?“
Der Mann erhob sich abrupt, ging zum Arbeitstisch, wo Alexe für gewöhnlich entweder las, Kontrollarbeiten korrigierte oder sich Notizen machte und richtete seinen Zeigefinger demonstrativ auf ein Titelblatt, nachdem er die anderen Bücher zur Seite schob. Es war klar, dass ihm der Roman bekannt war, denn er erkannte ihn alleine vom flüchtigen Blick auf die Kante.
„Ich sehe, Sie haben hier „Die Beichte eines Besiegten” von Panait Istrati, deswegen erlaube ich mir, Ihnen direkt ins Gesicht zu sagen: ich weiß nicht, ob es sich hier noch um eine Bewegung oder um etwas Anderes handelt. Die Sache hat sich gespalten; es sind schmerzhafte Teile über, die nie wieder richtig zusammengefügt wurden. Alles wächst in absurdem Maße, nimmt eine Gestalt an, die ich am liebsten korrigieren möchte“ sprach er und stöhnte, bewusst seinen Atem zügelnd. Dann protestierte er lauthals: „Weil nicht einmal Sie an das gute Ziel glauben, mein Herr; nur zu gerne möchte ich wissen, ob Drăgan versteht warum ich die landesinternen Probleme so betone und nicht die internationale Komponente!... Ich habe da ein paar ernste Bedrohungen erkannt, mein Herr...“
So seltsam wie sie gekommen war, ebbte sich die aufgebrauste Stimmung wieder. Aus unerklärlichem Grunde war der Haarige auf einmal sehr böse über das, was er zu sagen hatte, was Alexe wiederum zu einer weiteren Frage veranlasste:
„Und ich, wie kann ich Ihnen dabei helfen, wo sie mich mit dem Patriotismus so durchbohren?“
Der Mann blätterte das Buch durch, seine Aufmerksamkeit aber war auf seine eigenen Gedanken ausgerichtet:
„Sie haben ein Recht, mich danach zu fragen, denn ich befürchte, dass Sie dieses Buch auf völlig andere Art als Drăgan deuten; und ich sollte die Dinge hier nicht durcheinander bringen. Also, ich frage nach Patriotismus, weil ich nur schwer begriffen habe, dass ich eigentlich ein Patriot bin. Vielleicht bin ich sogar ein Nationalist, was ich nicht gewesen bin als ich das Land verließ, eben um als Internationalist zu fungieren.  Aber meine Frau wurde in Russland umgebracht, mein Herr, von Stalin. Wir haben dort zusammen gearbeitet, auf der Dritten Internationale. Wir waren die Vertreter der Cristescu-Plăpumaru-Partei, falls Ihnen das bekannt klingt. Warum wir uns nicht mit Anderen vermischten, die auf anderen Wegen gekommen waren, werden Sie gleich verstehen; vielleicht besser als Drăgan, der, ich mag es so zu glauben, wahrscheinlich Beziehungen zu ihnen pflegt. Darum sehe ich mich gezwungen zu riskieren, den Leuten reines Wasser einzuschenken.“
„Das tut mir leid – erwiderte Alexe und ihm dämmerte es langsam, worum es da eigentlich ging „ich habe das Gespräch auf Drăgan gerichtet, da er mein Cousin ist. Aber glauben Sie mir bitte, wir müssen uns nicht unbedingt über ihn unterhalten... Im Grunde weiß ich nicht, ob ich momentan wirklich über meinen Patriotismus reden möchte... Im Gegenteil, das Thema liegt mir eigentlich überhaupt nicht“ fügte er entschlossen zu.
„Ich kenne Ihre Enttäuschung!“ – versicherte ihm in Befehlston der Haarige, aber gleich darauf kriegte er sich wieder ein: „Ich habe Ihren Fall aufmerksam verfolgt; vielleicht denken Sie, ich habe mich da in etwas eingemischt was mich nichts angeht... aber die Arbeit in der Illegalität verlangt von uns durchaus auch so etwas“ ergänzte er als Entschuldigung „und ich wäre nicht hierhergekommen, um Sie zu provozieren, wenn ich nicht die Gewissheit gehabt hätte, dass ich selbst nicht viel mehr als ebenso ein Enttäuschter bin. Ich selbst bin mehr als Sie enttäuscht, mehr als Panait Istrati in der Rolle des Besuchers des ersten Arbeiter- und Bauernstaates. Für mich gilt, wie ich schon sagte: sie haben meine Frau schlicht und einfach getötet; sie hätten mich genauso gut  umbringen können, doch ich war bereits außer Landes; denn sie hatten uns die ganze Zeit über unter Beobachtung gehabt, wissend dass meine Frau solche Zweifel hegte... Herr Lehrer“ warnte er ihn in belehrendem Ton „ich habe Ihnen Vieles zu sagen; wollen sie wissen warum ich sie aufgesucht habe, oder wollen Sie zuerst hören wer ich bin und vor wem ich auf der Flucht bin?“
„Ich habe Nachmittagsunterricht; geplant hatte ich, diesen Morgen mit meinem Sohn zu verbringen, aber wie ich sehe übernimmt ihr Mädchen meine Rolle hervorragend, also...“ rechnete sich Alexe die Lage aus und überlegte schnell; am Ende gab er dem momentanen Impuls nach, sich aus der Politik heraus zu halten und erwiderte in unerwartet entschlossem Ton, als ob er seinen Cousin Drăgan vor sich gehabt hätte:
„Sagen Sie mir, warum Sie mich suchen. Vielleicht haben sie den Falschen gefunden, dann wäre ja unser Problem schnell gelöst.“
Merkwürdigerweise fühlte sich sein Gegenüber gar nicht beleidigt. Er mahne nur, indem er auf Panait Istratis´ Autorenfoto zeigte, welches ihn mit dicker Hornbrille auf der Rückseite seines berüchtigten Buches abbildete:
„Gut; eines muss Ihnen jedoch klar sein: ich habe die Pistole im Nacken. Stalin verzeiht nicht.“
„Und weiter? Sie appellieren an meinen Patriotismus, um Hitler zu dienen?“ äußerte er erneut seinen Verdacht und wiederholte die ablehnende Antwort, die er auch bei der vorausgegangen Einladung, der Legion beizutreten, gegeben hatte.
        „Ich bin ein Mensch der niemandem mehr dienen will, mein Herr (möglicherweise habe ich das noch nie gewollt, aber ich hatte mich getäuscht, also, ich wurde besiegt, wie Panait Istrati das sagt). Ich habe einen anderen Weg entdeckt.“
        „Mit der Pistole im Nacken?“
                „Mit!... Trotzki hat sich ausgerechnet in Mexiko versteckt, und selbst dort ist er nicht in Sicherheit! Ich, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, verstecke mich bei den Waldarbeitern und Baumfällern, und ich habe sogar eine Operation ohne Narkose über mich ergehen lassen, um nicht mehr zu hinken. Darf ich Ihnen jetzt sagen, warum ich Sie aufgesucht habe? Schauen Sie, ich gebe es gerne zu: der Ausflug mit dem Mädchen ist nur ein Vorwand; ich habe mir schon viele konspirative Vorgangsweisen angeeignet. Ich bin auf der Suche nach Menschen, Herr Lehrer. Ich vertrete eine Bewegung, die auf die falsche Bahn geraten ist und jetzt suche ich Leute, die mir dabei helfen können, sie in die richtige umzuleiten.“
        „Patrioten.“
„Unbedingt. Wir sind zu sehr untergangen. Es gibt einige Kameraden auf dieser Welt, die meine Meinung teilen. Oder besser gesagt, teilten, denn Stalin hat einige davon erschießen lassen.“
„Also, wenn ich sie richtig verstehe, benötigen Sie Leute wie mich, um die Kommunisten zu locken; aber ich habe mich sogar von Drăgan distanziert, trotz enger Verwandtschaft.“
„Vielleicht zog er sie dahin. Ich sehe die Lage anders.“
„ Zu den Legionären?“
„Nein. Obwohl...“
„Warum schweigen Sie? Was wollten sie weiter sagen?“
„Ich war einmal gar nicht so weit davon entfernt. Und Sie, immer an die Armen denkend, kamen vorbei und dann hörte ich ihren Führer Codreanu den Gewerkschaftern über die Gefahr des Bolschewismus vorreden, aber damals verstand ich nicht viel von diesen Dingen. Ich werde es Ihnen erklären. Aber jetzt ...verlangen Sie von mir, Ihnen meine Gründe zu nennen; ich bin nur vom Thema abgewichen, um Ihnen zu beweisen, dass ich es damit ernst meine. Den Rest erkläre ich Ihnen später, falls Sie dann noch Zeit und Interesse haben.“
Etwas an dieser unaufdringlichen Hartnäckigkeit gefiel Alexe. Trotz Mähne und bewusst fahrlässiger Körperhaltung machte sich dieser Mann keine Mühe zu imponieren, er wagte seine Unsicherheiten offen auszusprechen, ganz im Kontrast zu dem wirren Zustand seiner Kopf- und Barthaare.
„Die Dinge radikalisieren sich, Herr Lehrer und sie erscheinen in einem völlig neuen Gewand!... Sie zeigen ihr wahres Gesicht, nicht das, welches uns die Propaganda pro oder contra auftischt. Um Ihnen klar zu machen, warum ich Sie besuche, müsste ich bei der politischen Lage beginnen, die durch unseren Karl den Zweiten eindeutig zur Festigung seiner eigenen Machtposition gesteuert wird. Doch dazu zur späteren Stunde, denn in ganz Europa hat schon der offene Kampf für die Diktatur angefangen. Zuerst versuchten die Amerikaner die Finanzdiktatur zu etablieren, indem sie der Krise - die viele bankrotte Kapitalisten in den Selbstmord trieb - die Schuld für alles gaben; aber Hitler erhob sein Haupt und begann auf eigene Faust zu morden, oder denselben Kapitalisten das Eigentum zu entwenden, was ja ungefähr auf das Gleiche hinaus geht, denn er beschuldigte dafür dieselbe Krise. Denken Sie daran, was war Mussolini gestern und was ist er heute. Denken Sie an Lenin, der als Krimineller galt, weil er die russische Zarenfamilie erschießen ließ, was ja von einer kommunistischen Revolution auch nicht anders zu erwarten war. Bloß, seit Stalin an die Macht gekommen ist, erschießen sich die Kommunisten gegenseitig, oder sie nehmen an uns Rache, wir Revolutionäre aus anderen Ländern, die Auslandsfreiheit wollen. Er tut das, um seine persönlichen Vertrauensleute in die Schlüsselpositionen einzusetzen und damit eine Pseudorevolution zu forcieren, die einzige, die ohne Freiheit zustande kommt. Neulich hat sich Maniu mit den Legionären zusammen getan, weil diese jungen Kämpfer einen beträchtlichen Bekanntheitsgrad erreicht haben, dadurch, dass sie gewaltige Rache für die Armut ihrer Eltern nahmen; sie nahmen Hinrichtungen innerhalb ihrer Organisation vor, nach Hitlers´ Art, der sie dabei ermutigte; sie haben sicherlich vom Fall des Apothekers Stelescu gehört, oder nicht?... Was Karl angeht, ich garantiere Ihnen, dass er zum Diktator wird, da er dem Goga eine Regierung schenkt, einem der bloß über zwei Parlamentsmitglieder verfügt. Das Land braucht eine patriotische Union, mein Herr, die das Ziel im Fokus behält! Das ist das, was ich suche. Ich bin nicht vaterlandslos, wie Trotzki, um nach Mexiko flüchten zu müssen. Ich habe ein Land, dem ich Unrecht getan habe, aber ich möchte betonen, dass meine linke Überzeugung nicht der Fehler daran war; erst dadurch habe ich den patriotischen Sinn erkannt, der durch die Vereinigung mehrerer ehrenhafter Kräfte zustande kommen und etwas bewirken kann.  Dies könnte für uns zu einem Ergebnis führen: eine patriotische Union, mit möglichst wenig Einfluss aus dem Ausland. Ich bin davon fest überzeugt. Und eines möchte ich noch hinzufügen: Ihre Enttäuschung mit dem Professor ist auch meine Enttäuschung. Denn er, auch wenn er es wohl in einer etwas romantischeren Art machen würde, er würde sich der Sache der Bauern schon widmen, denn er war einer der Wenigen, die nicht durch Auslandsinteressen „verunreinigt” wurden. Was jedoch Argetoianu angeht, dessen Vertreter praktisch Ihren Posten kassierte, über ihn kann man nicht dasselbe sagen! In Sachen Politik ist er hartnäckig und rücksichtslos. Zum Beispiel, der Verzicht auf Sie, im Kader des Herrn Professors, hat ihn überhaupt nicht gestört. Nicht wahr, dass ich Recht habe?“
„Aus Ihrer Sicht haben Sie schon Recht, aber ich bin aus der Politik heraus.“
„Sie werden sehen, Herr Lehrer, dass man aus der Politik nicht einfach rausgehen kann; schon die Enthaltung jeglicher Meinung ist bereits eine politische Handlung.“
„Daran sollten Sie sich nicht so festklammern.“
„Doch, das tue ich; ich habe lange überlegt und ich kann darauf gar nicht verzichten.“
„Ich mag es, mit ihnen zu reden, aber ich glaube, Drăgan wäre für Ihre Sache viel nützlicher als ich – sprach Alexe aus Überzeugung – und ich versichere Ihnen, was sie im Fall ihrer Frau durchgemacht haben flößt mir eine Menge Respekt ein.“
„Soll ich das als Aufforderung zum Gehen verstehen?“
„Nein, ganz und gar nicht, im Gegenteil, Herr Celaru. Bitte bleiben Sie noch. Ich sagte nur, dass ich keine Politik machen will, nicht dass ich Ihnen nicht nahe sein möchte. Bitte verweilen Sie noch, denn ich bin Ihnen dankbar für alles, was Sie mir erzählen. Mit meinem Cousin streite ich oft, seit er auf dieser radikalen Schiene reitet; so hatte ich nicht einmal die Gelegenheit, ihn mit Panait Istratis´ bitterer Abrechnung mit dem Kommunismus bekannt zu machen, um ihm eine Lektion zu erteilen.“
„Bedenken Sie aber, dass ich ein gefährlicher Geselle bin, Mein Herr; ich werde verfolgt, seien Sie gewarnt.“
„Wie Sie meinen. Mir ist die Politik viel zu klar, um noch Angst vor einer eventuellen Kontamination zu empfinden.“
„Keine Angst, ich verlasse Sie noch bevor Ansteckungsgefahr von mir ausgehen kann.“
„Lassen Sie uns anders vorgehen: Sie bleiben, aber Sie behandeln mich, als wäre ich politisch unbedarft. Ich weiß, ich kann das gut, so habe ich auch Andere die mir gefolgt sind irregeführt. Ihr Besuch ehrt mich sehr, es ist eine erhoffte Gelegenheit viel mehr zu erfahren, als das, was hier einem einfachen Intellektuellen zugänglich ist“ rutschte ihm in einem Augenblick der Schwäche doch noch die Wahrheit raus. Sein Verplappern bewies, dass er noch vom ursprünglichen Studentenstolz erfüllt war, den ihm während der Studiumszeit sein Professor an der Uni eingeimpft hatte; diese Eigenschaft war zweifelsohne eine gute Fähigkeit seines früheren Mentors; diese konnte ihm immer noch keiner übel nehmen, selbst wenn er inzwischen einige gravierende Fehler begangen hatte.
„Ich bin kein Intellektueller, lieber Herr, dieses Glück hatte ich nicht. Ich bin ein Autodidakt“ sprach der Behaarte, indem er seine lange Wolljacke ablegte und das offen getragene Hemd zum Vorschein kommen ließ, als ob er jeder Witterung mit seiner breiten Brust trotzen wolle „Ich fühle mich zu den Intellektuellen hin gezogen, aber ich kenne meine Grenzen sehr wohl, den mein Lernen war chaotisch und unsystematisch. Doch die Politik hat mich vieles gelehrt, denn man muss dabei sein, um etwas verstehen zu können, so etwas kann man nicht aus einem Buch herauslesen. Wenn es nach den Büchern ginge, dann könnte ich Ihren Professor als Nationalist bezeichnen, doch die Legionäre sind auch Nationalisten. Trotzdem stehen sie sich frontal gegenüber und bekämpfen sich sogar heftig, um gleich darauf wieder Frieden zu schliessen. In solchen Fällen bleiben ehrliche Menschen, wie Sie, oft auf der Strecke. Ich habe schon seit längerer Zeit darauf gewartet, Ihre Reaktion diesbezüglich testen zu dürfen.“
„Dachten Sie, ich würde zu den Legionären überlaufen?“
„Selbst das wäre möglich gewesen.“
„Ich reagiere nicht. Das habe ich Ihnen bereits gesagt: ich habe aufgegeben.“
„Schauen Sie, ich kann Ihnen nicht einfach sagen, dass der Mensch nicht aufgibt, sondern bloß seine Meinung ändert; Sie müssen begreifen, wer ich bin; es ist viel ehrlicher so“ erwiderte der Haarige hitzig und seine Brust schien sich durch die Hemdöffnung noch mehr zu bäumen, als mache er seinem Ärger mehr Luft. Er schien wie von einer äußeren Kraft getrieben, um seine Seele protzig und theatralisch frei zum Vorschein zu bringen.

4.
„Als ich jung war, fing ich mir eine Bleivergiftung ein, Saturnismus, bekannt als Druckerleiden. Aus diesem Grunde trug ich ein paar Jahre lang die Brust offen, bis ich geheilt wurde und man mir den Soldatenrock verpasste. Aber, seitdem sie meine Frau umgebracht haben, ist meine Krankheit zurückgekehrt; vielleicht reagiere ich so auf das Blei, das ihren Körper durchbohrte, vielleicht wiederum bereitet sich mein Körper auf eine Portion Blei vor, die noch auf mich zukommen wird“  sprach er etwas rätselhaft, eher zu sich selbst. Es dauerte eine ganze Weile bis er sich beruhigte und sich wieder klarer ausdrückte, doch seine Rhetorik mäßigte sich nicht „Ich war Geselle und später Arbeiter an der Constantin Mille Druckerei, für die Zeitung „Die Wahrheit”... Gott, was war das für ein Mensch!... Was für ein Chef, was für ein Poet!... Und dann begann er plötzlich ein Gedicht vorzutragen: Sie sagten: der Stärkere siegt immer,/ Die Herrschaft der Faust von oben bis unten,/ Der Fortschritt lebt dem Kampf inne und, eine nach der anderen/  Eure Illusionen werden mit lautem Getöse stürzen!... er hatte eine blumige Schrift, die lediglich von meinem Meister entziffert werden konnte; und ich habe bei ihm alles gelernt, denn der große Chef hielt große Stücke auf mich... Was für ein Poet, mein Herr, was für ein Mensch!... Als bei mir die Krankheit diagnostiziert wurde, nahm er mich aus der Bleiwerkstatt raus; er hatte gerade ein eigenes Telegrafenbüro aufgemacht. Weißt Du, was es damals bedeutete, einen Telegrafen zu haben? ... Er hatte Korrespondenten überall, unmittelbare, wie kein anderer!... Er arbeitete wie in Paris... Um mich vom Blei fern zu halten half er mir dabei, den neuen Beruf zu erlernen, denn es war ein sauberes Arbeitsumfeld und ich war schlau genug, um die Telegramme entziffern zu können und sie in sauberer Schrift umzuschreiben... Wäre ich dort länger geblieben, wen sie mich bloß nicht für die Armee rekrutiert hätten, dann hätte er mich sicherlich später zum Redakteur befördert, obwohl ich ihn damals, 1907, ziemlich geärgert habe ... Viel zu spät habe ich das verstanden. Erst als ich von meiner Frau erfuhr, was die Franzosen, die ja für ihre unorthodoxe, nicht wirklich linke Orientierung berüchtigt sind, denn sie pfeifen auf die innenparteiische Disziplin und streben eine freie, saubere Revolution an – was also diese Franzosen unter dem Begriff „Revolutionsexport”, beziehungsweise „Importrevolution” verstehen ... Aber zu der Zeit konnte ich die Lage noch nicht klar deuten. Ich befand mich in der Phase der Wissensakkumulation, des Informationenaneignens; ich las unglaublich viel, alles was mir in die Hände kam, ununterbrochen, nächtelang. Massenweise gedruckte Worte, so wie früher, in der Druckerei. 1921, als wir die Partei gründeten, wurde ich dazu ausgesucht, um zusammen mit Cristescu nach Moskau zu gehen. Sogar die Professoren und die Anwälte unserer Partei – denn es gab damals auch Intelektuelle, glaube mir, nicht nur Offiziere mit russischem oder deutschem Drillhintergrund, die als Agenten infiltriert wurden  - selbst die beteuerten dass ich extrem belesen war. Aber was ich ihnen an Lesestoff voraus hatte war die Literatur der Revolution, deswegen ... Später, als ich meine Frau kennen lernte, die anständig an der Sorbonne studiert hatte, wurde mir klar, welches Chaos, welche Unordnung in meinem Kopf herrschte... Vielleicht ist das der Grund warum ich nicht vorher das erkannt hatte, was ich an der Seite meiner Frau entdecken durfte. Allmählich begann ich zu verstehen, auch dank der Hilfe des französischen Professors, der mit uns in Moskau verkehrte, da er sich zu den restlichen Kommilitonen überhaupt nicht hingezogen fühlte. Ich verstand, dass sich meine Frau an der Sorbonne mit den Gauchisten politisch engagiert hatte und dadurch mit einem völlig anderen Ansatz an die Internationale herangewachsen war... Na, jetzt habe ich Dir in einem Atemzug alles gesagt, jetzt bist du deutlich besser im Bilde. Vor einem wie Dir werde ich mich nicht verstecken, obwohl Du mit mir nicht über Politik diskutieren willst. Aber ich mag die Art wie Du mein Angebot abgelehnt hast. Und selbst wenn Du mir durch Dein Nein die Möglichkeit gibst, meine wahre Identität und meine Rolle innerhalb dieser Bewegung zu verschweigen, jetzt, wenn ich sie hier, in meiner Heimat zu retten versuche,  werde ich Dir trotzdem erzählen, welche Pläne ich habe, um dies zu erreichen... Ich bin über Deine Enthaltung nicht verärgert, bin seit einer ganzen Weile unterwegs und habe viele getroffen, die sich mir nicht anschließen wollten. Viele davon sind wie Du, Menschen bei denen ich etwas mehr Verständnis als bei Arbeitern wie diesen aus Drăgans´ Gruppe erwartet hatte, ordnungsliebende, berechenbare Kameraden, die treu ihrem Anführer folgen. Ich rede hier von unserer Arbeiterbewegung, die von eh und jäh, die deren Bedürfnissen entspricht und sich nicht von hinten durchschieben und steuern lässt, so wie es sich bei allen Revolutionen ereignet und wie ich damals zu ahnen begann... Den es gibt eine dunkle Macht im Außen, die sie provoziert!... Ja, das habe ich schon 1907 geahnt, als ich mich überzeugen konnte, dass viele der rebellierenden Bauern von ein paar Deutschen und weiteren Fremden  provoziert wurden, lauter Unbekannte, die irgendwie punktgenau vor Ort waren, von jemanden auf Befehl aus der Bukowina gebracht waren und überhaupt keine Verbindung zu den Unstimmigkeiten im ländlichen Bereich hatten, die später als Grund für den Aufstand genannt wurden. Im Klartext, der Bauernaufstand wurde von Ausländern eingeleitet, die speziell zu diesem Zwecke ins Land geschickt wurden, von den Provokateuren des Imperiums entsandt; und unsere Armee sollte sie aufhalten, nicht die Bauern!... Ich sagte Dir bereits dass ich damals gegen meinen geliebten Chef rebellierte, weil er Hand in Hand mit den Hintermännern der vorhin erwähnten Provokateure arbeitete, und er verbreitete Lügen, indem er die Behauptung drucken ließ, der rumänische Soldat würde den rumänischen Bauern verprügeln...Dies half mir später bei der Verarbeitung der These dieses französischen Professors und stützte auch die Ideen, die mir meine Frau aus Ihrer Erfahrung in gauschistischen Studentenkreisen vermittelte ... Hach!... Meine Frau war sehr klug; sie hatte ein brillantes Gehirn und war imstande,  hervorragende Schlüsse zu ziehen; manchmal kam sie auf unerwartete Erkenntnisse, die keiner zuvor erahnt hätte. Zuweilen waren es einfache Beobachtungen, die einen wie Blitze aus heiterem Himmel trafen, denn sie besaß einen erstaunlich scharfer Blick fürs Detail, welcher bei so einer zierlichen Frauengestalt sehr ungewöhnlich war ... Andere, die meisten, bemerkten diese Gabe nicht einmal!... Manchmal entdecke ich bei diesem Mädchen genau ihre Art, den Dingen auf den Grund zu gehen. Sie hat wohl ihr Talent geerbt, denn selbst wenn sie auf den ersten Blick scheu erscheint, verfügt sie über eine angeborene Weisheit und Ruhe und kann ihre Umgebung ganz genau beurteilen. Sie ist die Tochter ihrer Schwester. So vererben sich manchmal die Charakterzüge, sie springen quer zu den Neffen über oder zu seitlichen Blutverwandten; nicht immer machen sie sich bemerkbar, aber erstaunlich deutlich sind sie manchmal zu erkennen. Die genetische Folge ist nicht unbedingt eine Gerade, sie bricht auseinander, springt zu einem Ast, von Zweig zu Zweig ...Schau Dir ihre Stirn an, so groß, offen, etwas gewölbt, sie ist genau wie die ihrer Tante ... die Stirn meine geliebten Frau!... Ihre Mutter, die Schwester meiner Frau, hat nicht so eine Stirn; aber ein Onkel der beiden, der Pope ist, von dem habe ich ein Bild gesehen, und der hatte genau diese Stirn. Vielleicht hat ihnen der Vater das vererbt, von ihm habe ich nur ein Bild aus der Wehrdienstzeit gesehen, und da trug er eine Mütze tief über die Augen herunter gezogen ... Meine Frau war sehr intelligent; und sie hatte ein logisches Denken, die Ihresgleichen noch sucht. Wenn mir das Schicksal hold ist... Siehst Du, ich sage nicht, „möge mir Gott helfen” denn ich weiß, dass Du nicht religiös bist, so wie ich auch, damals, als ich jünger und radikaler war... wenn es mir also hilft, mir einige Jahre gewährt, um ihre Schritte zu lenken, wird sie eine wunderbare Zukunft haben!... Die Sache mit dem lieben Gott werde ich Dir noch erklären, aber nicht jetzt; die einfachen Menschen, mit denen ich zusammen arbeite, sind ehrlich und benötigen Ihn. Da unsere Politik für sie gemacht wird, werde ich Lenins´ Blödsinn nicht beachten und auch nicht Stalins´ Glaubensabfall, der so typisch für Seminarschüler ist, denn mich interessieren mehr die Menschen mit denen ich zusammen den Kampf organisieren kann. Und diese einfachen Menschen bekämpfen den lieben Gott nicht, sie haben Ihn gerade nötig... Wie soll ich Dir sagen, von ihnen habe ich gelernt, Ihn auch zu brauchen ... Es verhält sich wie mit dem Patriotismus, bei dem ich später angelangt bin und ziemlich ausgelaugt war, erst nachdem ich realisierte, wenn diese einfachen Menschen, die wir emanzipieren wollen, keine Patrioten sind, dann bedeutet das es gibt keine Heimat!... Also, schau, diese Idee von Vaterlandsliebe eint uns. Genauso ging es mir, ehrlich gesagt, als ich mich entschied, zu Dir zu kommen, weil Du ein Republikaner bist; besser gesagt, Du hast etwas Radikales, Entschlossenes, das mich berechtigt, Dich aufzusuchen... Na!... nun habe ich Dir meine wahre Meinung zum Patriotismus gesagt, etwas wovon Dir Dein Professor wahrscheinlich in generellem Sinne gesprochen hat, vielleicht nicht so realitätsnah, obwohl ich mir sicher bin, dass er auch daran fest glaubt: sein Glaube ist sicherlich sehr groß. Aber die Menschen sind sehr unterschiedlich. Du, zum Beispiel, glaubst an einem Patriotismus, der Dich nicht von der Monarchie abhängig macht. Ich übrigens auch; aber für mich ist Patriotismus mehr mit der Bewegung der rumänischen Arbeiterklasse verbunden, weil sie diejenige ist, welcher die größten Hindernisse im Wege stehen und die am schnellsten reagieren muss. Nicht von außen muss man den Arbeiter überzeugen, hier habe ich es geschafft, wie ich Dir bereits sagte, meine Grenzen zu erkennen. Aber es gibt eine Tradition bei uns, eine Eigenart der Arbeiter dieses Landes, die für ihre Bedürfnisse bis zum Äußersten gehen wollen. Dies ist eine ehrliche Bewegung; sie entspringt dem Instinkt und der Not, selbst wenn Andere sie im Interesse anderer Ländern mit ihren Geheimdiensten manipulieren... Sie ist ehrlich und sauber; sie ist „natürlich”, würden die Anthropologen sagen, also sie reiht sich in die Evolution ein. Und ich, nachdem ich begriffen habe wie gefährlich Infiltrationen sind, bin sogar verpflichtet, sie zu fördern. Sogar verteidigen muss ich sie vor den Unterschlagungen der Ausländer. So kam ich darauf, dass ich letztendlich ein Nationalist bin. Und, um ein genaueres Ziel zu nennen, ich gebe die Idee einer Partei nicht auf!... Eine Partei die mehrere Kräfte zusammen eint, mit Menschen die verschiedene Glaubensrichtungen haben. Zum Beispiel, Du...“
„Ich glaube an gar nichts mehr; das habe ich Dir schon gesagt. Ich will mir nicht einmal mehr diese Frage des Glaubens stellen. Ich habe einen Beruf, eine Familie, ein paar Freunde, soweit...“
„Aber Du hast auch Überzeugungen“  – beteuerte der Behaarte: „Du wünschst Dir Emanzipation, eine Bereinigung der Gesellschaft, eine die am obersten Ende, bei dem gekrönten Kopf beginnt, Du willst...“
Alexe gab ein Zeichen und änderte seine Körperhaltung; es war möglicherweise unbewusst, doch es zeigte seine Verwirrung und die Befürchtung, dass der Behaarte womöglich wieder eine viel zu komplizierte Theorie über eine vermeintliche dunkle Macht, die unsere Schicksale aus dem Schatten lenkt, anfangen würde. Mit seinem rational geprägten Denken hielt er die Theorien seines Gesprächspartners für ausgesprochen  unrealistisch und dachte sich, dass dieser viel zu viel Sachen durcheinander brachte, so chaotisch wie er die Dinge darstellte. Da ihm mehr die systematische Art am Herzen lag, unterbrach er seine Rede:
„Herr Celaru, ich höre Ihnen gut zu; sagen Sie mir was Sie wollen, denn es interessiert mich wirklich; ich schwöre Ihnen, dass es mich interessiert und dass ich Ihre ehrliche Meinung schätze. Aber bitte argumentieren Sie mir sachlich und appellieren sie nicht an meine Gefühle, um mich für Ihre Sache zu gewinnen... Ich sagte Ihnen bereits, dass mich mein Cousin Drăgan auf Distanz hält, wegen der Art wie ich denke und wegen meiner Vorliebe zur Analyse.“
„Ach, Drăgan!... Mit ihm ist es ganz anders. Ihn muss ich sehen, um ihn besser zu verstehen. Das heißt, zu sehen, ob er richtig begreift und nicht durch seine eigenen ideologischen Überzeugungen die Tatsachen verdreht...“
Um seine Gedanken zu ordnen, agierte Alexe instinktiv wie der klassische Lehrer, der sanft die Aufmerksamkeit seiner Schüler auf Bereiche lenkt, die ihnen bekannt sind:
„Jawohl; das interessiert mich schon: Wie sind Sie auf diese ideologischen Uneinigkeit, die Sie erwähnen, überhaupt gekommen?... Ich stimme Ihnen zu, dass sich die Arbeiter um einen Gruppenführer wie Drăgan gern organisieren und ich mag die Bezeichnung, die Sie dafür gewählt haben, dieses „natürliche”. Heißt es, dass Sie auch Menschen trafen, die eine künstliche Revolution befürworten?“
„Und wie!... Die Mehrheit derer, die zur Revolution aufrufen, wünscht sich eine künstlich verursachte, die bestimmten verdeckten Interessen dienen soll. Eine natürliche würde aber den Herzen der Menschen entspringen. Unserer Pflicht als eineige wenige Auserwählte, die noch einen klaren Überblick behalten haben, besteht darin, dieses vorhandene Gleichgewicht zu schützen... Normalerweise wird diese Rolle von den Theoretikern übernommen, aber dann mischen sich die Geheimdienste mit ihren Provokationen ein, infiltrieren falsche Helden, die von anderen Regierungen bezahlt werden und...Was sollen wir noch um den heißen Brei herum reden, Lenin wurde von den Deutschen bezahlt, um die Russen dazu zu bringen, sich geschlagen zu geben; danach bezahlte er sogenannte Revolutionen, um weitere Länder  auf seine Seite zu gewinnen. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung ist eine natürliche Reaktion, aber alles Übrige...“
„Verstehe ich Sie richtig, ihrer Meinung nach wurde der Rest durch ein paar niederträchtige Handlungen einer machthungrigen Welt verursacht?“
„Exakt!...“ rief er entzückt „Siehst Du, deswegen wusste ich, dass ich Dich treffen muss, obwohl ich nicht geahnt habe, dass auch Du zu diesem Schluss gekommen bist!“
„Diese Tatsache ist mir erst seit kurzer Zeit klar geworden; erst seitdem ich Hitler und Mussolini beobachte, nachdem ich Panait Istratis´ Werk las. Sie haben das wahrscheinlich noch vor mir gewusst... „
„Verschone mich mit diesem „Sie”“ – befahl ihm der Behaarte, der sich schon an seiner eigenen Erinnerung erfreute - “Mein Lieber, wir sprachen über das, was meine Frau gewusst und gelernt hat und über Ihre systematische Denkweise. Dadurch, dass sie sich im Kreise französischen Linkstheoretiker ein Bild über die Intervention der Engländer bei der Entstehung der französischen Revolutionen machen konnte fiel es ihr überhaupt nicht schwer, meine Unzufriedenheit und Angst in Moskau zu verstehen.  Denn die Geschichte ist viel komplizierter; ich hatte sie hier kennen gelernt, als sie Studentin war; aber dann ging sie auf die Sorbonne und ich wurde nach Russland geschickt. Als ich sie wieder traf, war ich ziemlich verwirrt und es gab nicht viele Kameraden mit denen ich frei darüber sprechen konnte... Denn ich merkte, dass diejenigen,  die Stalin nahe standen, nach und nach mehr an dem Wiedererlangen der ehemaligen imperialistischen Macht Russlands, unter der Führung des Väterchens-Zar, interessiert waren als an die Befriedigung der wahren Bedürfnisse der Menschen, die inzwischen nur noch durch Terror beherrscht wurden... Genau das hat auch Panait Istrati gemerkt, als er durch Mutter-Russland zur Erkundungsreise geführt wurde,  da die hofften, dass er einen Lobesgesang als Buch veröffentlicht, so wie es die Anderen auf den Kongressen gemacht haben... Sie taten das, weil es in ihrem nationalen Interesse war, aber uns konnten sie nicht überzeugen, denn wir waren dort, um nach Wegen für unsere eigene Arbeiterklasse, in unseren jeweiligen Heimatländern zu suchen, verstehst Du?... Nicht nur ich; wir hatten diesbezüglich schon mehrere Gespräche untereinander geführt und manche von uns verstanden sich schon mittels verstohlener Blicke, wir Fremde, auf dem Komintern. Doch Stalins´ Spürnase blieb das nicht verborgen, er schickte ein paar davon nach Sibirien und andere ließ er hinrichten. Meine Frau gehört zu den Gefallenen; ich hatte das Glück, zu jenem Zeitpunkt, mich im Ausland zu befinden. Natürlich kehrte ich nicht mehr zurück. Sie suchten eine Weile nach mir, verfolgten mich durch ganz Europa, so wie sie auch andere suchten, um sie dann bei den westlichen Regierungen zu enttarnen, auf der Stelle zu ermorden oder zuerst entführten und dann nach Russland zu bringen, wo sie ihnen „vorbildliche” Prozesse inszenierten. Später, irgendwann, entspannte sich die Lage und man vergaß mich... Aber jetzt, als sie bemerkten wie Panait Istrati sie mit Verzögerung enttarnen konnte, nachdem er nach Rumänien zurückgekehrt war, realisierten sie, dass auch ich ein Rumäne bin.  Nun haben sie ihre Leute hierher geschickt, um uns beide zu liquidieren... Ich war beim „Cartea românească” – Verlag, in Bukarest, als die „Beichte eines Besiegten” veröffentlicht wurde... Konnte mich freilich nicht offen zeigen, aber ich hielt mich versteckt, um ihn beobachten zu können. Panait Istrati schrieb mit einer Hand Autogramme, doch die andere Hand hielt er auf dem Tisch, in der Nähe seiner Pistole!... Gekleidet mit dieser dicken Wolljacke, die ich mir von einem Legionär geben ließ, hielt mich die Polizei für einen selbstverständlichen  Gegner des Schriftstellers... Denn früher, auf dem Foto das Stalins Ceka-GPU-Agenten von mir von über die rumänische Staatssicherheit erhielten, hatte ich ein völlig anderes Erscheinen, mein Herr: ich war ein schlanker, wohlerzogener Junge, trug einen kurzen, ordnungsmäßigen Haarschnitt, war stäts glatt rasiert und erschien in einem ordentlich gebürsteten Sakko, gekleidet wie der typische Bürokrat, ohne große Ambitionen, ein Cinovnic im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich hinkte, wegen eines Splitters, der in mir seit Kriegszeiten im Bein steckte. Ich musste eine schwere Operation über mich ergehen lassen, und, nachdem man mir einen Stab ins Bein pflanzte, übte ich ganz lange, bis mir das unauffällige Gehen wieder gelang. Dennoch wollte ich mich dadurch auf keine Fall selbst verraten. So wie ich jetzt aussehe, würde mich niemand mehr erkennen, deswegen kleide ich mich bewusst wie die „Schwarzen Kutten”. Inzwischen habe ich mir viele Tricks und Ausweichmanöver beigebracht. Wie viele Jahre sind vergangen, seitdem Du vom Professor enttäuscht wurdest? Fast vier, nicht wahr?... Nun, das sind genau die Jahre, die ich gebraucht habe, um mich zu überzeugen, dass ich mit Dir ohne jegliche Befürchtung offen reden kann...“
Er verlor erneut den Faden. All die Dinge, die er ihm möglichst schnell sagen wollte, vermischten sich erneut. Anhand seiner didaktischen Methode bemühte sich Alexe weiter, ihm das zu entlocken, was ihn interessierte. Nun stellte er sogar fest, dass ihn immer mehr Sachen faszinierten, Themen die er niemals mit Drăgan hätte besprechen können. Denn dies interessierte ihn ganz gewiss, es entsprach seiner eingefleischten Gründlichkeit, seiner Tendenz zur sachlichen Information und zum tief eingehenden Nachdenken. Der Versuch, ihn für einen bestimmten politischen Kampf zu begeistern war ihm hingegen völlig egal:
„Reden Sie weiter. Ich höre zu.“
„Mein Herr, Du lehrst Geschichte, hast Du Dich jemals gefragt, warum die Franzosen in den Jahren 1786 und 1848 die größten Revolutionen in Europa schafften, um später ihre eigenen revolutionären Regierungen in Imperien umzuwandeln?!... Ich werde Dir das kurz erklären. Es ist meine Schlussfolgerung. Sie hat sogar meine Frau überrascht, obwohl sie viel besser als ich informiert war und einen tieferen Einblick in die Geschehnisse zu haben meinte“  – kehrte er kurz zu seinem persönlichen Drama zurück, das ihn regelmäßig aufwühlte und ihm ein nervöses, zweimaliges Zucken auf die Stirn brachte, als ob er eine unsichtbare Fliege davon jagen wollte – „Weißt Du warum sie so begeistert war? Weil ich derselbe Mensch war, der früher nicht erkennen konnte, welche Manipulation mein damaliger Chef verübte, als er in seiner Zeitung von elftausend ermordeten Bauern berichtete, anstatt zu informieren, dass der Telegraf – an dem ich saß – von Provokateuren sprach, die von außerhalb der Landesgrenze, aus Cernauti, eingeführt wurden, um die hungrige Bevölkerung aufzuhetzen... Verstehst Du?...“
Er verstand. Er verstand, dass der Behaarte ein fieberhaftes Verlangen verspürte, sich endlich frei aussprechen zu dürfen, nachdem er sich so lange Zeit immer nur verstecken musste und zum Schweigen gezwungen war. Es war stärker als sein Ich; im Laufe seines leidenschaftlichen Versuchs, alles auf einmal, in einem Atemzug zu erklären brachen alle Dämme des Schweigens. Alexe wurde klar, dass er das tiefe Vertrauen dieses Mannes gewonnen hatte.
Aber zwischen diesem grenzlosen Vertrauen und der Gefahr einer Ansteckung an dessen Enthusiasmus, welcher mehr einer Obsession als einer kühlen Überlegung entsprang, lagen Welten. Alexe bevorzugte die Ruhe und die beidseitige Kommunikation; der leidenschaftliche Funke sprang nicht zu ihm über.

5.
- „Also, mein Herr, nachdem sowohl 1786 wie auch 1848, blutige, erbitterte Kämpfe und die Guillotine gebraucht wurden, um die berühmten, radikalen Revolutionäre and die Macht zu bringen, als sogar ein neuer Kalender eingeführt wurde, um neue Zeichen der Zeit zu setzen, als die neue Republik stand, die nach Meinung der Revolutionäre dem allgemeinen Wohl dienen sollte und den Bedürfnissen der Mehrheit entsprach, drehten die Franzosen das Ruder in den Wind und erfanden plötzlich einen völlig neuen Monarchen, so einen Napoleon. Das ist die Wahrheit: sie fingen immer mit „Liberté-Egalité-Fraternité” an und am Ende des Liedes sang dann ein noch schlimmerer Autokrat als die Könige davor, denn sie wechselten vom Königreich zum Imperium!... Kannst Du mir das erklären?!... Such nach allen möglichen Antworten und Du wirst immer wieder erkenn müssen, dass sie alle unlogisch, völlig unpassend zu einer Revolution und zu den zwei Napoleons sind... Und dennoch haben die Franzosen das getan; und die Bevölkerung, all diejenigen die davor rebellierten, die Gavroches, Sansculotten, die Bonettes die auf den Barrikaden fielen und die hervorragenden kartesischen Gehirne, die dem Denken wahre Tempel gebaut hatten, die Straße und die Menschenversammlungen auf den Plätzen, um die Guillotine, sogar die Carvounardes, die sich im Ausland abgesetzt hatten, alle akzeptierten diese ehemaligen Beamten, Direktoren, Konsuls die ihnen sofort wieder den imperialistischen Absolutismus servierten!... Warum? Zweimal innerhalb von sechzig Jahren führten die Franzosen eine republikanische Revolution, um sich dann prompt doch für ein Imperium zu entscheiden; in der selben Zeit, beschäftigte sich England, dieses Imperium durch und durch,  mit der Verursachung und Manipulierung derselben französischen Revolutionen. Die Schachzüge sind von beiden Seiten, durch die jeweiligen Geheimdienste der zwei Länder sehr gut vorbereitet. Denn siehe da, mein lieber Herr: wo genau schrieb fleißig Marx an seinem Manifest, innerhalb von zwei Jahrzehnten, noch vor der Kommune von Paris, wenn nicht in London, wo er über einen Lebensstandard verfügte, den er in Deutschland niemals hätte erreichen können?... Und seine Theorie wurde ausgerechnet den Franzosen schmackhaft gemacht, um Napoleon den Dritten den Aufstieg an die Macht zu ermöglichen, und nicht dem Gespenst des Kommunismus, dem er zusammen mit Engels eine goldene Zukunft prophezeit hatte!... Welch andere Logik kann so einer Revolution zu Grunde gelegt werden, wenn nicht eine, die sich auf ein geheimes Kalkül stützt und Menschenopfer auf den Barrikaden verursacht?!...“
    „    ...Es gibt eine einzige Erklärung; sie bestätigt in Hülle und Fülle meine Theorie, die besagt, dass die französischen Revolutionen von England exportiert wurden, nachdem sie dort detailgenau vorbereitet wurden. Dadurch sollte England auf dem europäischen Festland Fuß fassen, um später über den Kontinent zu herrschen. Erst beim dritten Versuch, als sich England mit Bismark verbündeten und den letzten Napoleon stürzten, ging diese Strategie auf.  Diese Theorie ist im Umlauf und ich verschreibe mich auch, eben weil sie die einzige ist, die dieses wiederholte Aufbauschen der Franzosen erklärt. Die Franzosen, lieber Herr, haben durch ihre Napoleons imperialistische Tendenzen übernommen, um dem fremden Druck, wie zum Beispiel dem englischen, etwas entgegen zu halten. Das ist alles, aus diesem Grund musste die Menschheit solch schrecklich blutige Revolutionen über sich ergehen lassen. Provokation und Gegen-Provokation, nicht mehr. Dies ist, um es in Seemansworte zu fassen, die Tide die das Schiff  wiegt, auf dem sich unsere Menschheit befindet und sich belügen lässt, von Machtinteressen beherrscht!... Ich, der große Revolutionär, glaube nicht mehr an die Revolution!... Ich glaube nur noch an arme Menschen, die Ihre Rechte sowohl von den Einen, wie auch von den Anderen mit den Füssen getreten sehen, Menschen die kämpfen, um sie wieder zu erlangen!... Nach der Großen Französischen Revolution, die sich in Napoleons große Chance zur Autokratie verwandelte, hat England den Kampf nicht aufgegeben. Ausgerechnet England, geprägt vom berühmt-berüchtigten Konservativismus, bereitete die größte Links-Provokationen in Europa vor. So entstand die Erste Internationale und man legte den Schwerpunkt auf den grenzüberschreitenden Kommunismus, um die Aufmerksamkeit vom Patriotismus abzulenken. Aber umsonst, denn letztendlich wurde Europa mit Imperien übersät: Das französische, das deutsche, das türkische, das russische, nicht zu vergessen das österreich-ungarische, eine Multinationale noch dazu, die von der Konfusion der internationalistischen Ideen profitierte und dadurch nur die Macht von Franz-Josef stärkte. Aus diesem zuletzt genannten Hause entstand die Diversion, die ich noch persönlich im Jahre 1907 beobachten konnte. Also hat er sich das Rezept zur geheimdienstlichen Provokation, welches im Moment von Moskau perfektioniert wird, sehr gut angeeignet... Die Idee einer Revolution ist wie eine Welle der Diversion, die am Ärmelkanal beginnt, über den Kontinent schwappt und immer weiter wogt, vom Provokateur zum Provozierten wird sie weitergegeben: Frankreich übernimmt von England, Deutschland von Frankreich, Russland von Deutschland und wir, die ganz kleinen, schwanken von Einem zum Anderen, oder lassen uns einen kleinen König geben, der manch einer größeren kaiserlichen Familie angehört... Die Revolution ist bloß ein Zustand für naive Menschen, die von Hunger und Unzufriedenheit getrieben werden;  man kennt sie auch als Umstand, den man geschickt ausnutzen kann, um einige gekrönte Köpfe loszuwerden, um Platz für andere zu schaffen. Für die Politiker bedeutet sie eine kontinuierliche Herausforderung, die Anstrengung und Energie kostet und für sie persönlich einen bestimmten Profit abwirft. Es ist eine Investition in Dominierungspolitiken, die sich von Westen nach Osten rollen, die von Land zu Land überschwappen, und jedem als Instrument zur Durchsetzung eigener Interessen nutzt. Wie? Durch Auslösen einer Revolution im Nachbarland, Richtung Osten, um später selber dahin nachzurücken. Seitdem diese Methode vor drei hundert Jahren durch den englischen Parlamentarismus eingeführt wurde, wird sie munter von allen benutzt. Es wurden sogar geheime Institutionen geschaffen, die finanziert werden, um diese Situation zu kontrollieren. So hat sich im Jahre 1848 Napoleon der Dritte an die Macht katapultiert, um später über geheime Organisationen seine Macht nach Deutschland und Italien zu erweitern...Und wenn man erzählt, dass Lenin, zum Zeitpunkt seines Wegtransports mit dem gepanzerten Zug, über ein Angebot der Deutschen Geheimdienste verfügte, welches ihm Dutzende von Millionen Goldmark versprach, um aus den Soldaten Revolutionäre zu machen, die ihre Waffen wegwerfen und sich freiwillig ergeben, warum soll denn nicht auch die andere Variante wahr sein, nämlich die, wonach man ihn genauso gut nach England hätte bringen können, um eine Provokation vorzubereiten, die zu einer europaweiten Kommune führen sollte, die man damals in der Propaganda als „Gespenst des Kommunismus” bezeichnete. Wäre es nicht möglich, dass Engels seinen Freund Marx mit Geldern des Geheimdienstes des Großen Albions gefüttert hat? Schließlich sind die dazugehörigen perfiden Machschaften und Organisationen nicht umsonst in die Geschichte eingegangen! Frankreich, unterstützt von den Geheimdiensten der zwei Napoleons, hätte sich im Zivilkrieg durchsetzen und nach Russland schielen können, um sich in etwas grober Manier die gewünschten Gebiete beim Frieden von Brest-Litovsk zu holen. Es wäre gar nicht so abwegig wenn die Deutschen ausgerechnet den bezahlten, der in ihrem Namen diese Abmachung unterschreiben sollte. Ich behaupte also dass Lenin von den Deutschen in der Schweiz rekrutiert und bezahlt wurde, um mit dem gepanzerten Zug zu kommen und die kommunistischen russische Revolutionäre vorzubereiten, die nichts anderes als hitzige, fahnenflüchtige Soldaten waren und durch Versprechen von Land und Boden weiteren Soldaten des Zaren den Seitenwechsel schmackhaft machen sollten. Somit hätten sie endgültig im Sinne der Invasoren das System destabilisiert... Die kommunistischen Führer aus Moskau, die habe ich gekannt; sie sind so: umgedrehte Militärs, die früher auf der Seite des Zaren gekämpft haben und jetzt für die Deutschen den Weg frei gemacht haben. Als sie dann später zur Rolle der leitenden Partei aufgestiegen sind zahlten sie selbst um die Revolution weiter zu reichen, exportierten ihre Ideen und Provokationen und festigten dadurch ihre eigene Macht weltweit. Nun sind sie an den Punkt angelangt, an dem sie sich gegenseitig bekämpfen. Buharin enttarnte Lenin als Verräter der Revolution zu Gunsten der deutschen territorialen Übermacht, aber Lenin erklärt ihn zum Verräter und beseitigt ihn anschließend. Genauso wie in Paris, als die Revolution in der Phase der ausländischen Ambitionen angelangt war; da begannen sich ihre Helden in internen Konflikten zu verwickeln und torpedierten sich gegenseitig. Genau das passiert auch hier, in Rumänien, sie hetzen andere gegen mich auf. Eine zynische Kraft führt die Revolutionen auf Zwischenländerebene, indem sie die Nationen verschlingt und blutige Diktaturen installiert. Es ist wie eine Walze, die von einem bösen Wind geschoben wird. Leider hat sich diese Walze in der immensen Größe Russlands etwas verirrt und beginnt nun rückwärts zu rennen; der Revolutionenexport wütet in alle Himmelsrichtungen, um überall dort zu gewinnen, wo Unzufriedenheit in Rebellion mündet… Ich weiß ganz genau, denn, wie ich Dir schon sagte: ich war mit Cristescu bei Lenin... Der war gerade dabei, eine neue Internationale zu gründen und benötigte Vertreter verschiedener Parteien, die mit wahlberechtiger Stimme auf einer Versammlung seine Vorschläge segnen sollten. Viele,  die als Vertreter anderer Länder galten waren nichts anderes als seine ehemaligen Soldaten oder hatten eine Zeit lang als Provokateure, genau wie er selbst, gedient. Wir waren anders, hatten einen anderen Hintergrund, unter Berücksichtigung der Legalität!... Wir hatten gerade einen Kongress gehabt, der uns gewählt hatte, eine Partei, die sich darauf vorbereitete, die Kandidatenliste für das Parlament bekannt zu geben und, nicht in letzter Linie, eine Partei die uns die Vollmacht gab, an diesem internationalen Treffen teilzunehmen und unserem Mandat entsprechend zu wählen... Wir waren in der Tat die Delegation einer Partei, unter der Führung von Cristescu, genauso wie ihre Delegation Lenin als Fürer hatte. Und Plăpumaru nahm kein Blatt vor dem Mund;  er sprach zu ihm deutlich: “Also, aus demokratischen Gründen stehen die Dinge bei uns nicht so, Vladimir Ilic!... Lassen Sie uns aus gleichberechtigten Positionen heraus verhandeln. Ich vertrete eine legale Partei in einem unabhängigen Land, Sie vertreten eine andere, in einem größeren, mächtigeren Land; wir diskutieren, verhandeln und finden eine gemeinsame Lösung”!... Jawohl, wir waren damals im internen, hitzigen Gefecht gestählert und vertraten eine Arbeiterklasse und nicht irgend eine Anhäufung von Spionen, die es galt,  herumzukommandieren!... Zug um Zug schnitten sie uns ab. Die Leichtbeeinflußbaren zogen sie auf ihre Seite und überzeugten sie, zu ihren Dienern zu werden. Uns, die Resistenten, entfernten sie; ein paar von den Hartnäckigsten töteten sie...  Genauso, wie die schlimmsten Kapitalisten, schreckten sie vor nichts zurück, um ihren Gewinn zu maximieren. Wer genau sollte gewinnen? Eine Handvoll Menschen, genau so klein wie die Gruppe, die auf den revolutionären Plakaten als feindliche Minderheit verteufelt wurde und die es zu beseitigen galt. Das waren leere Floskeln, sie benutzten sie nur, sagten sie nur, um die große Masse auf ihrer Seite zu haben... Auf diese Art und Weise werden die Völker niemals siegen. Und ich begreife, dass man ganz andere Interessen verfolgt als das Wohl der Mehrheit, der Provozierten. Ich will etwas für diese Mehrheit der Rumänen tun, sie schützen... Du weißt, was ich tun möchte, Herr Lehrer“ – jetzt wurde er wieder fordernd -  „was wäre, wenn wir erneut eine repräsentative Partei bilden könnten?... Ich würde dieses Land zu einer Art Schweiz erklären, die keiner mehr berühren dürfte!... Ich meine“ – er lachte herzhaft, als ob er jemandem einen Streich spielen wollte – „ich würde ihnen beweisen, dass ich nicht umsonst die kommunistische Theorie studiert habe, die diese Schurken bloß zu propagandistischen Zwecken, auf Papier, missbrauchen. Ich würde das durchsetzen, was uns angeht, das Prinzip des Selbstbestimmung der Völker, dieses Prinzip, welches diese verlogenen Führer so gern priesen!... Ich würde so laut schreien, dass alle Nationen dieser Welt mich hören könnten – erhitzte er sich – so dass es niemand mehr wagen wärde, mir zu widersprechen!... Ehrenwort; ich habe einen Brief in diesem Sinne an Titulescu geschickt. Die Volksfront, die ich gründen will, muss möglichst umfassend sein...“

6.
Alexe erinnerte sich wie er ihm zusah als er gegangen war. Das Mädchen an der Hand, machte er sich auf dem Weg zum Bahnhof. Ab und zu bleib er stehen, sprach mit dem Kind, fuhr ihm mit der Hand durchs Haar oder über die Kleider oder gab ihr etwas zu halten , aber er machte es immer in gespannter Haltung, aufmerksam und irgendwie sorgfältig: als ob er sich andauernd umsah, ob ihn jemand beobachtete, als fürchte er, dass jemand ihm folgte. Dann setzte er seinen Weg fort.
Trotzdem, als am Abend darauf Drăgans´ Leute in Begleitung des Mädchens auftauchten, wurde ihm klar, dass ihm wohl sämtliche Vorsichtsmaßnahmen nichts genutzt hatten. Das Mädchen wiederum war ruhig und ausgeglichen, als ob es schon einmal so etwas durchgemacht hätte.
„Das Mädchen hat es noch geschafft, Herrn Drăgan etwas mitzuteilen, aber dann drangen die in das Gewerkschaftshaus hinein und die Chefs wurden vorgeladen, um ihre Erklärungen abzugeben, oder wer weiß was noch... Also blieb sie bei uns und sie erzählte uns von Ihnen; wir verstanden, dass wir sie hierher bringen sollen und es war irgendwie auch nachvollziehbar, schließlich sind Sie, Herr Lehrer, der Cousin von Herr Drăgan. Was nun? Überlassen wir Ihnen das Kind? Das Mädchen will das so!...“
Alexe schaute ernsten Auges auf das Mädchen und verstand ihre Notlage, obwohl sie ihn nicht mit dem Ausdruck einer Bitte, sondern eher einer Herausforderung ansah. Als würde sie sagen „zeig mal was Du für ein Mensch bist!”. Ohne sich sicher zu sein, ob er das Richtige tat, hörte er sich selbst etwas zögerlich sprechen, so als handle es sich um sein eigenes Kind:
„Natürlich bleibt sie hier. Und dann flüsterte er noch unmerklich: Aber, Drăgan,  was hat Drăgan gesagt?“
„Nun, das ist es eben, er kam nicht mehr zu Wort, weil die sich ganz plötzlich hinein stützten, so stürmisch wie sie es seit den Streiks von ´33 nicht mehr getan haben. Er konnte nur noch schnell seine berühmte Rede anfangen, nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung”, die im Normallfall am Ende zur Einigung führt... Doch die hatten diesmal keine Lust, selbst der Kommissar sagte, es sei ernst, weil den Chefs aus Bukarest ein Verrat gemeldet wurde, und nun fahnden alle nach einem großen Bolschewiken. Drăgan beschimpfte sie aufs Übelste und schrie „ihr wisst, dass wir keine Bolschewiken sind”, dann ging er mit, um seine Erklärung abzugeben und denen aus Bukarest weiter zu drohen, mit einer wichtigen Information, die er angeblich hat... unter uns, ehrlich gesagt, sogar die Bullen waren sichtbar verängstigt, die kamen ja auch so plötzlich, wie aus dem Nichts, als wären sie schon lange auf der Lauer gewesen... Das Mädchen kann also bleiben, oder nicht?...“
„Selbstverständlich. Aber bitte sagt Drăgan... Richtet ihm aus, er soll mich aufsuchen... Er soll...“
„Geht in Ordnung. Leben Sie wohl, Herr Lehrer!“ – die Leute hatten es eilig. Man sah ihnen die Freude an, sich von der Aufgabe mit dem Mädchen befreit zu haben.
Er blieb, den ersten Blicken des Mädchens ausgesetzt, verunsichert und sprachlos. Ihr Blick durchbohrte ihn fragend und er fühlte sich verpflichtet, etwas zu sagen:
„Na?...“
„Kann ich mit Paul spielen, so wie gestern?“ – fragte sie und zeigte auf den Kleinen, der etwas verwirrt da stand.
„Klar kannst du; zieh deinen Mantel aus und...“ – ihm fiel ein, dass er etwas tun musste, um ihre Verklemmung zu vertreiben.
Dann geschah ein kleines Wunder. Es war der Zauber, der plötzlich eintrat, als das wohlerzogene Wesen, welches diesem ungewöhnlich ernsten und doch kleinen Kinde inne wohnte, endlich sein unsichtbares Schutzschild beiseite legte und sich erlaubte, endlich wieder Kind zu sein. Schnell und ordentlich lief sie zum Kleiderständer und hängte ihren Mantel hin, dann rannte sie zum Jungen und fing an ihn zu umarmen und zu küssen, als wäre er der Träger ihrer ganzen, lang ersehnten Hoffnung. Es war die Seele, an die sich ihr umherirrendes Kinderherz lehnte, um Halt und Trost zu finden.
Alexe war zu Tränen gerührt, doch er traute sich nicht noch irgendetwas zu fragen.
Später erst, als Paul eingeschlafen war, kam das Mädchen scheu zu ihm, als wüsste es dass er ihr jetzt zuhören wollte. Wie ein Erwachsener, der sich für die kurze Verschnaufpause, die er sich erlaubt hat, entschuldigen will, fing sie das Gespräch an:
„Mein Onkel hat mich gelehrt, falls ich einmal von ihm getrennt werden soll, muss ich unbedingt an den Ort zurück kehren, wo ich zuletzt mit ihm zusammen war, damit er weiß wo er mich findet. Das habe ich auch Onkel Drăgan gesagt. Er wird mich abholen; seien Sie unbesorgt!“
Er brachte es nicht übers Herz, ihr seine Zweifel daran mitzuteilen. Stattdessen lenkte er sich mit Tischdecken ab, weckte den Jungen und lud die Kinder zum Essen ein. Danach spielte er gelassen mit allen beiden. Für eine kurze Zeit schien die Welt wieder in Ordnung zu sein und alle Sorgen waren vergessen.
Viel später, als Valentina nach Hause kam, fand sie alle drei, selig in einem Bett schlafend.

7.
 Am Tag darauf hatte er vormittags Unterricht. Dadurch dass die Bereitschaft im Krankenhaus anderwärtig vergeben war konnte Valentina zu Hause in ihrer Praxis arbeiten und sich um die Kinder kümmern. Sie dachten, wenn gleich nicht der Behaarte vorbei kommen könne, obwohl das Mädchen immer noch fest davon überzeugt war, wird vielleicht Drăgan erscheinen:
„Sie glaubt an diesen Bolschewiken, der komischerweise an Gott zu glauben scheint!“ – sprach Alexe.
Aber Valentina widersprach ihm diesmal, denn sie war auch gläubig, trotz ihres medizinischen Studiums und der rationalistisch-darwinistischen Orientierung, die sie in den Gesprächen mit ihrem Mann vertrat. Es schien, als hätte sie durch die Geschichte dieses Menschen eine andere Sichtweise erlangt:
„Er glaubt!...Wahrscheinlich eben weil er sich vor den wahren Bolschewiken, die seine Frau umgebracht haben schützen will...“
„Hm, „die Wahren”!“ spottete  Alexe „Ich frage mich dann, wieso sie eine von denen sein konnte?“
„Ich frage mich nur“ gestand ihm Valentina gerührt „was sie wohl gefühlt haben muss, als sie merkte, dass ausgerechnet die Bolschewiken sie hinrichteten.“
Nachdenklich wie durch eine schwere Bürde bedrückt gab Alexe zu:
„Eine schreckliche Welt; schlimmer noch als unsere. Ich muss leider den berühmten Satz zitieren: „Quo vadis, Domine?!”... Immerhin, du warst die Erste, die bei seiner Ankunft gespürt hat, dass er eine Botschaft mit sich trug. Ich kann ihm nicht helfen, ich will das gar nicht“ legte er seine Position fest „aber man merkt, dass er nicht nur eine starke Lebenskraft, sondern auch einen Sinn des Lebens ausstrahlt!... Wie dem auch sei“ entschied er sich, so als ob er auf einer Idee beharrte, die sie sowieso nicht verstehen konnte „wir müssen dem Mädchen helfen. Egal was Drăgan dazu sagt, das weißt du besser als ich!... Dein Herz weiß es“ sagte er noch und küsste sie so, als würde er ihr die gesamte Macht über ihr kleines Universum anerkennen wollen,  über ihre kleine Welt, die nur ihnen gehörte, wo sie sich alleine, aber geborgen fühlten und in Partnerschaft herrschten, wie unter einem schützend Dach, das sie vor der Außenwelt abschirmte.
Im Gegenzug zu seiner festen Entschlossenheit überkam ihn eine Welle der Zärtlichkeit, die ihn dazu brachte, das gerade aufgewachte Mädchen auf die Wange zu küssen, als wäre es schon seit eh und jäh Teil der Familie gewesen:
„Dein Onkel wird schon kommen; bis dahin“ wenchselte er geschickt das Thema „bleibst du bei uns und bist Paulchens Schwester.“
„Sobald er sich befreien kann, kommt er sicher“ erklärte das Mädchen in festem Ton „doch es könnte auch passieren, dass sie ihn umbringen, hat er mir gesagt...“
„Vergiss es, wenn er Dir das gesagt hat. Es ist nicht wahr.“
 Alexe versuchte, sie zu beruhigen, aber das Mädchen ließ nicht locker:
„Es gibt einen Rothaarigen, ich kenne ihn!“
„Woher kennst du ihn?“
„Ein Rothaariger, der schlechtes Rumänisch spricht, ich habe ihn gesehen!...“
„Wann hast du ihn gesehen?“
„Zuerst in Iassi. Der Onkel wurde an einem Ort erwartet, bei einer Gewerkschaftsversammlung, genauso wie gestern Herr Drăgan auf ihn wartete. Wir hatten uns auf die Seite gestellt und schauten den Menschen zu, die gerade rein kamen. Dann sah ihn mein Onkel. Sofort gingen wir weg und kehrten nie wieder zurück. Mein Onkel sagte zu mir, dass er ein sehr böser Mensch sei. Wir stiegen in den Zug ein und setzten unseren Ausflug fort, genauso wie mein Onkel und ich vereinbart hatten, wenn ich gute Noten in der Schule kriege...“
„Daran hast du dich gehalten.“
„Habe ich; aber ich will nicht dass mein Onkel...“
„Das will ich auch nicht“ versicherte ihr Alexe, in gleichem Masse von ihrer kindischen, aber auch ernsthaften Einstellung beeindruckt „wir werden weiter nach Drăgan suchen und erfahren...“
Doch Drăgan gab kein Zeichen und Alexe bereute jetzt, seine Männer, damals als sie das Mädchen brachten, nicht besser befragt zu haben. Jetzt war er in einer Sackgasse gelandet, wusste nicht, wo er mit seinen Nachforschungen anfangen sollte, um herauszufinden was wirklich mit dem Behaarten passiert war und wo er sich eventuell befinden konnte. Die Ungewissheit dauerte so lange bis er von einem gerichtlichen Schnellverfahren erfuhr, in das Drăgan involviert war. Also traf er die Entscheidung, sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen.
„Drăgan ist damit nicht einverstanden – brachte ihm sein Anwalt die Antwort. Als er sich nicht abwimmeln ließ, sprach er zu ihm noch deutlicher: Er will nicht, dass Sie ihn in Schwierigkeiten bringen. Er befürchtet, dass Sie die Sachen ganz anders sehen und glaub, es wäre besser, sie von der ganzen Sache fern zu halten.“
„Gut, aber ich weiß, dass der Mensch, der für diese Verhaftungen verantwortlich gemacht wird, kein Bolschewik ist. Er ist kein Bolschewik, er ist kein ausländischer Agent, er ist mehr das Opfer; das kann ich bezeugen; seine Frau wurde von Stalins Männern umgebracht; er selbst...“
„Wir verfolgen eine andere Verteidigungsstrategie; wir beschuldigen nicht einmal die Polizisten, dass sie unter dem Vorwand einer angeblichen Flucht geschossen hätten; wir behaupten lediglich, dass auf einen Unbekannten geschossen wurde und niemand hat genau gewusst, warum der überhaupt da, auf unserer Gewerkschaftsversammlung war...“
So erklärte ihm der Anwalt in groben Zügen sein Plädoyer und nahm an, dass er viel mehr wusste als er, aber er bat ihn, sich seiner juristischen Logik zu unterwerfen. Nun war Alexe verwirrter denn jäh, denn er begriff allmählich, dass die Sache viel komplizierter war als er gedacht hatte. Es sah so aus, als ob der Mensch, der ihm so lebendig die Geschichte aller Revolutionen erklärt hatte, wenn gleich auch ein bisschen skurril in seiner Darstellung gewesen war, erschossen wurde. Der Mann, dessen Frau bereits umgebracht wurde, war jetzt auch tot. Und ausgerechnet Drăgan wurde festgenommen und dafür verantwortlich gemacht.
Als er all dies begriff, wurde ihm klar, dass er ab sofort erst recht einen Grund in den Gerichtssaal zu gehen hatte. Also wartete er geduldig darauf, bis der Prozess aufgerufen wurde.
Doch als Drăgan und seine Gruppe in den Ring gebracht wurden  traf ihn der vorwurfsvolle, unerbittliche Blick seines riesenhaften Cousins wie ein Messer. Danach wandte er ihm demonstrativ den Rücken zu. In seinem Inneren meinte Alexe schon seine donnernde Stimme zu hören: „Wenn du nicht sofort verschwindest und es auch wagst etwas zu sagen, werde ich …!!!...“
Die Festgenommenen wurden vorgestellt. Danach übernahm der Verteidigungsanwalt das Wort. Der Staatsanwalt widersprach ihm, sie stritten. Der Kommissar legte seinen Bericht vor. Merkwürdigerweise schien sich der Polizist besser mit dem Anwalt als mit dem Staatsanwalt zu verstehen. Er schwor, dass der Erschossene eher zufällig von Ihnen festgenommen wurde; und zwar neben dem Gewerkschaftssitz, nicht innen im Gebäude. Er beschrieb den Typen als suspekt, bewaffnet, rothaarig und er sagte, er hätte rumänisch mit einem komischen Akzent gesprochen. Mehr wusste er auch nicht, denn der Mann trug keinen Ausweis bei sich, was ja auch der Grund seiner Festnahme gewesen war. Eigentlich hatten sie vor, ihn auf eine Vernehmung in das Revier mitzunehmen, nachdem sie alle Festnahmen fertig erstellt hatten, die von ihren Chefs in Auftrag gegeben wurden. Er betonte, dass seine Gefolgsleute keineswegs in die Richtung geschossen hatten, wo sich der spätere Verletzte befand, sondern zur anderen Seite hin, wo sich ein weiterer Verdächtiger versteckt hielt. Letzterer war anschließend spurlos verschwunden, was die Aufklärung der Lage noch komplizierter machte, denn mann vermutete dass eben dieser Vermisste den Rothaarigen erschossen hatte.
Als die Beschuldigten den Ring verließen, warf Drăgan seinem Cousin Alexe noch ein paar böse, vorwurfsvolle Blicke zu. Dieser kam zurück nach Hause und verhielt sich still; zuerst streichelte er den Kindern über die Köpfe und wartete auf Valentina, um sie über die ungewisse Lage in Kenntnis zu setzen und um ihr seine Besorgnis über die weitere Anwesenheit des Mädchens in ihrem Hause mitzuteilen. Er fühlte sich umso mehr verantwortlich für das Kind, nachdem der Behaarte womöglich tot war. Und von Seiten seines Cousins Drăgan war anscheinend auch keine Hilfe mehr zu erwarten.
Am nächsten Tag, als die Zeitungen von einem unbekannten Toten berichteten, der während einer Razzia von einem anderen Unbekannten erschossen wurde, erinnerte sich Alexe wie das Mädchen „Herrn Drăgan und seine Gewerkschaft” erwähnt hatte und fragte es noch einmal:  
„Woher weißt du wer Drăgan ist?“
„Mein Onkel hat mir das gesagt, als er mich zu ihm schickte. Das ist meine Mission „ beteuerte sie, als sie merkte dass er sie ernst genommen hatte „Mein Onkel wartet immer in seinem Versteck und ich gehe vor, um die Lage zu testen. Auch bei Ihrer Frau haben wir das so gemacht. Ich ging vor, als sie am Tor war; sofort erkannte ich, dass sie gut war, weil sie mich mochte...“
„Ach so!... Das hat sie mir nicht erzählt“ versuchte er sich aufzumuntern, obwohl er ein bisschen besorgt war.
„Ja, ich sagte ihr, dass mein Onkel mit Ihnen etwas besprechen möchte und er will wissen, ob sie alleine sind oder ob jemand bei Ihnen war.“
 „So fragst du immer?“
„Ja. Mein Onkel ... geht so vor.“ antwortete sie sanft und nahm sich dabei ziemlich ernst „Er macht das so, weil der Rothaarige, der schlecht rumänisch kann, ihn verfolgt, um ihn zu töten. Ich habe ihn in Iassi gesehen, das habe ich Ihnen schon gesagt; und ich habe ihn noch einmal gesehen, in Bukarest, als mein Onkel wieder ein Treffen mit jemand anderen vereinbart hatte!...“
„Wie hast Du ihn gesehen?“
„Mein Onkel hatte mich geschickt; er erklärte mir wie er aussieht und schickte mich an einen Ort, um zu sehen ob er dort war.“
„Und, war er dort?“
„Es waren viele, die saßen an vielen Tischen, denn es war ein Restaurantgarten, wo mein Onkel verabredet war, aber er vermutete dass auch der Rothaarige davon wusste. Der wusste es wirklich und war uns auf den Fersen, also bin ich gegangen...Und ich habe ihn erkannt. Ich vertraue Ihnen, deswegen sage ich Ihnen die Wahrheit, weil auch mein Onkel mir sagte, dass ich Ihnen trauen kann“ sie hatte wieder diesen erwachsenen Ausdruck im Gesicht „Ich habe ihn erkannt.“
„Und, was hast du getan?“
„Er war sehr nahe und ich habe mich erschreckt. Ich lief zu meinem Onkel und habe ihn gebeten, wegzulaufen, denn ich hatte Angst... Nicht wegen mir, aber für meinen Onkel fürchtete ich mich; ich habe ihn sehr lieb und will nicht, dass ihn diese Feinde umbringen. Aber mein Onkel ist stärker und schlauer als sie. Sie können ihn nicht töten. Und er hat viele Leute, die ihn schätzen und beschützen.“
„Wohnst du bei ihm?“ – fragte Alexe, um nicht an das Drama denken zu müssen, welches das Mädchen nicht einmal erahnte.
„Nur im Sommer, in den Ferien. Er hat eine große, riesige Bibliothek. Er lebt umgeben von Büchern; die hat er alle gesammelt; aber ich kann ihnen nicht sagen, wo das ist. Das darf ich nicht verraten. Dort kommen die Bösen nicht hin; nur Menschen, die ihn sehr sehr gut kennen. Ich kann kaum erwarten, dass wir wieder dorthin zurückkehren, denn dort...“
Doch den Satz beendete sie nicht, denn plötzlich sprang sie voller Freude hoch und fing an zu schreien:
„Es ist mein Onkel, mein Onkel; er ist gekommen; ich kenne seine Pfeifen; mach auf, es ist sein Zeichen!...“
So wurde Alexe Zeuge einer berührenden Szene. Als Vater kannte er sehr wohl die Verbundenheit seines Kindes und konnte somit die ganze Freude nachvollziehen. Als er den Behaarten ins Haus begleitete, sprang ihm das sonst scheue Mädchen wie befreit entgegen. Jegliche Angst und Unsicherheit, die sie den fremden Erwachsenen bis dahin zeigte, fiel von ihr ab als sie den Menschen sah, dem sie so viel vertraute und den sie bedingungslos liebte. Unter solchen Umständen verschmelzen die Altersgrenzen und die gesellschaftlichen Zwänge und zum Vorschein kommt die pure Verbundenheit, die allen menschlichen Beziehungen zu Grunde liegt und sie so verzaubert. Denn die Liebe ist stärker als alle Altersgrenzen; das Kind ist die Freude des Erwachsenen und der Erwachsene bedeutet Schutz und Geborgenheit für das Kind. Es war, als ob sich vor seinen Augen das Heiligste dieser Welt offenbarte, das Edelste überhaupt, die pure Liebe....
    Der kleine Paul reagierte zum ersten mal mit Eifersucht und hopste auf seinem Hochstuhl hin und her, denn er war es nicht gewohnt, dass sich die Streicheleinheiten und die gesamte Aufmerksamkeit der Erwachsenen nicht auf ihn, sondern auf jemand anderen richteten. Ein bisschen war er auch enttäuscht als er sah, dass das in seinen Augen so große Mädchen auch nur ein liebeshungriges Kind war, so wie er. Und das passierte vor den Augen seines eigenen Vaters! Erst als der Onkel und die Nichte anfingen ein Gedicht aufzusagen, beruhigte sich der kleine Bengel und fing an mit seinen kleinen Händchen begeistert zu klatschen. Die Freude des Wiedersehens spiegelte sich in den Versen:  Die Herrschaft der Faust von oben bis unten... Eure Illusionen werden mit Getöse stürzen...
Als er ihn so fröhlich sah, beruhigte sich Alexe, denn er verstand, dass er sich ab sofort keine Sorgen mehr machen musste. Er lächelte dem Behaarten zu. Dieser nahm den Kleinen in seine Armen und sprach mit gebrochener Stimme, während er mit den Tränen kämpfte:
        „Heute ist mein Rachetag. Doch ich weiß immer noch nicht wie ich es ohne mein Mädchen soweit gebracht hätte. Sie tröstet mich über den Tod meiner Frau hinaus!... Hab´ keine Angst; wir werden gleich verschwinden. Sobald sich das Mädchen beruhigt.“

8.

Mit diesem Mädchen war es eine lange Geschichte, eine Geschichte die Alexe sehr berührte. Der Behaarte drückte das Mädchen fest an sein Herz und sprach bedrückt, vielleicht auch weil er sich an die ganz schwierigen Situationen erinnerte, die er in der letzten Zeit durchgelebt hatte. Kurz gesagt, er war wieder in der aufgewühlten Stimmung, die den Eindruck machte, als wolle er viel zu viel auf einmal erzählen wollen. Seine Lippen kamen dem Druck von Innen kaum nach:
„Sobald sie sich beruhigt, gehen wir... Bis dann sag´ ich Dir nur eins; ja, ich sage Dir, eins musst Du noch wissen; da ich Drăgan nicht treffen konnte und ihn leider trotzdem in Schwierigkeiten brachte, bitte ich Dich zumindest mir zuzuhören... Ich sag´ Dir nur wie es war und dann gehe ich... Fürchte Dich nicht vor Unannehmlichkeiten, auch wenn Du etwas in den Zeitungen gelesen hast“ flüsterte er ihm zu, doch dann überlegte er es sich anders und wechselte das Thema: „Sie wissen nicht wie ich aussehe; ich habe Dir gesagt, dass ich in Ihren Fahndungspapieren völlig anders abgebildet bin. Deswegen schicken sie Spione im voraus: um in Erfahrung zu bringen, auf welchen Versammlungen ich erscheinen werde, eben um meine Tarnung auffliegen zu lassen. Sie wollen mich identifizieren!“ er sprach dieses „identifizieren” in einem gewissen Unterton aus, etwas zynisch, und lächelte schelmisch dazu: „...Tja, wie es aussieht, habe ich ihren Spion diesmal schneller identifiziert. Ich machte es so gut, dass er jetzt nicht einmal mehr atmet!... Du hast gelesen... – und er stockte wieder – Also lassen wir das; es geht gar nicht darum; vielmehr geht es um Deine Sicherheit, und dass wir gleich von hier verschwinden sollten.“
„Ihr müsst nicht gehen“ beruhigte ihn Alexe als er langsam ruhiger wurde und das Thema wechseln konnte „Ich sprach gerade mit dem Mädchen über ihr Versteck, da wo es so viele Bücher gibt; doch sie wollte mir nicht sagen, wo das ist....“
        „Nun, wenn Trotzki ausgerechnet in Mexiko beschützt werden muss“  fühlte er sich zu einer Erklärung verpflichtet, schließlich hatte er Alexes´ Leben in den letzten Tagen ziemlich stark aufgemischt „schütze ich mich auch, zumindest in meinem Heimatland, wo ich meine Aktionen planen kann. Ich will diese Partei umorganisieren, genauso wie es am Anfang war, als wir alle daran glaubten; ich werde sie von russischen Agenten säubern, das habe ich Dir geschworen. Denn die Armen benötigen eine Partei; Agenten muss es wohl schon immer gegeben haben, auch damals. Aber damals hatten wir einen Nădejde, einen Morun, einen Constantin Mille; wir hatten die Studenten, die das lateinische Alphabet mitbrachten, und nicht diese Komitee-Propagandisten, die russische Filme zeigen und Rascolniken-Sekten, die... Die haben nicht einmal eine Kultur, außer Lenins Broschüren... Die sind nicht besonders fähig, das weiss ich auch; aber die GPU stärkt ihnen den Rücken!... Cristescu, meine ich, will nicht mehr politisch aktiv sein. Er lehnt meinen Vorschlag ab, so wie du. Hab´ keine Angst, ich versuche nicht, Dir mein Konzept aufzuzwingen; du kannst Dich selbst überzeugen, was da läuft. Auch ich habe nachgedacht und ich respektiere Dich und Deine Entscheidung, denn Du bist besser als viele andere. Ich meine, Du bist klug genug um Dich selbst zu überzeugen, mehr sage ich dazu nicht. Und wenn nicht, dann nicht... Genau wie Cristescu, den ich respektiere, weil er zu mir sagte: „Hör zu, ich komme nicht mehr, weil ich da nicht mehr reden kann; sobald ich das Wort ergreife, noch bevor man richtig verstehen kann was ich sage, wird man mir den russischen Stempel aufdrücken und ich werde als Stalin-Getreuer beschimpft; doch du weißt ganz genau, dass ich nicht einmal Lenins Mann sein wollte!”... So sprach er zu mir und ich muss das akzeptieren, selbst wenn es mir nicht gefällt. Ich wollte Dir das unbedingt noch sagen, damit Du mich verstehst. Und nun, selbst wenn Du vielleicht glaubst, dass ich Dich in Gefahr gebracht habe, werde ich weg gehen, damit Dir nichts passiert. So wie ich bereits bei unserem letzten Treffen sagte: ich kämpfe gar nicht gegen die Legionären, denn auch sie sind aus der Armut des Landes entstanden, doch es spielt eine große Rolle mit welcher Gruppierung sie verbandeln. Ich habe Codreanu in Iassi kennen gelernt, als er im Namen unserer Gewerkschaften sprach, eben um deren Macht von den Russen und von Lenins chaotischen Truppen fern zu halten. Er redete genau aus diesem Grunde, um diese Agenten, diese bolschewistischen Provokateure zu enttarnen und um unseren ehrlichen Gewerkschaftleuten zu helfen. Also verstehe ich warum sich Maniu mit Codreanu verbündete; ich verstehe nicht warum die nicht begreifen, dass sie sich an Hitler ausliefern und sich gegenseitig erschießen; soviel!... So, das ist, was ich Dir noch sagen wollte... Aber es musste gesagt werden, versteht Du? Das alles wollte ich Dir und Drăgan gleichzeitig sagen. Aber jetzt musst Du es an ihn weiter leiten, damit er versteht warum wir eine etwas breitere patriotische Front aufbauen müssen. Ich werde verschwinden; für eine Zeit lang muss ich untertauchen, aber glaube mir, ich gebe den Kampf nicht auf!... Ich werde mich nicht geschlagen geben! Wie gesagt: auch die Armut hat eine Partei verdient, die ihre Rechte vertritt...“
 Mit diesen Worten zeigte er seine Entschlossenheit, doch es schimmerte auch ein Hauch von Paranoia durch. Es zeigte ein unnatürliches, groteskes Verhalten, sprang von Euphorie zu tiefster Betroffenheit über, war mal bittend und dann wiederum befehlend, wechselte von Zärtlichkeit zu Aggression, er war einfach nicht stabil. Sein offen getragenes Hemd, die drohende Haltung, mit ausgestreckter Brust, die bewusst verwegene Art den Mantel auf den Schultern zurück zu schieben, all das zeugte von seiner tiefen Betroffenheit und von seiner gefährlich instabilen Lage. Die grauen Haare seiner Brust vermittelten den Eindruck, dass vielleicht seine Zeit schon durchgelaufen war.
„Meine Bleivergiftung ist wieder da“ erreichte er wieder sein leidliches Thema, und zeigte auf seine Hemdöffnung „doch diesmal verdanke ich es nicht dem Bleidampf der Druckerei, sondern der vergifteten Luft aus Kreml, wo sie uns in ihren vorgerasteten Druckmuster hinein zu drücken versuchten. Um ihnen zu entkommen, musste ich jahrelang so herum spazieren; ob Sommer oder Winter, bei Schnee und Regen, ich war immer barhäuptig und meine Brust war immer sichtbar... Verrückt, nicht wahr? Nun, das bin ich auch, wie denn auch sonst, mein lieber Herr?!... Doch zu Dir hätte ich früher kommen müssen, seit ich hörte, dass Du zum Protestieren in den Königspalast eingedrungen bist. Deswegen bin ich gekommen; ich hatte versäumt, es Dir bei unserer ersten Begegnung zu erzählen; jetzt musste ich es schnell noch loswerden, bevor ich gehe. Wir sind gleich weg, ich will Dir keine Schwierigkeiten machen... Wahrscheinlich hast Du schon genug gelitten... Aber Du hast mich auch gern empfangen!... Hast Du gesehen, was in den Zeitungen steht?“ nun stellte er ihm doch die Frage, die er sich am Anfang noch verkniffen hatte.
„Da steht, dass ein Unbekannter einen anderen Unbekannten erschossen hat.“
„Mehr nicht?“
„Das ist leider alles, mehr konnte ich nicht erfahren. Ich dachte, es handelt sich um Sie.“
„Aha! – erwiderte er begeistert, als ob er das erwartet hätte; dann bohrte er weiter:  War da keine genauere Beschreibung des Opfers?“
„Nein. Nur eine kurze Nachricht. In allen anderen Zeitungen auch so.“
„Wie viele hast Du gesehen?“
„Etwa vier. In einer stand gar nichts.“
„Sehr gut; das heißt, die haben ihr Wort gehalten!...“
„Wer?“
„Ach, es gibt ein paar Leute, die auch uns helfen, mehr kann ich Dir nicht sagen; deswegen wollte ich nicht mit Dir darüber sprechen, aber Du hast eine Art, das Vertrauen zu wecken!... Ich sagte schon, ich habe mein Gesicht verändert. So wie ein Räuber, wie ich heute aussehe, mit langen Haaren... Gab es da keine Foto, gar keine Einzelheiten?...“
„Nirgendwo; dieselbe Nachricht überall, bloß ein paar Zeilen.“  
„Mehr war auch nicht nötig.“ - seine Verrücktheit schien zu wachsen, denn jetzt zitterte er erregt – „dann werden sie genau das auch Stalin berichten, dass sie mich umgebracht haben, so wie den Bajanov!... Du weißt nicht wer Bajanov ist, nicht wahr?... Ach, eine lange Geschichte!... Ihn haben sie im schnellsten Zug verfolg, den „Train Bleu”, nach Nizza; sie wollten ihn aus den Zug werfen. Aber er hat einen von denen weggeschubst!... Weißt Du, was die getan haben?...  Selbst die Profi-Henker des GPU fürchten sich vor Stalins Vergeltung, also haben sie geschwiegen und behaupteten der Tote sei Bajanov gewesen!... So werden sie auch meinen Fall schließen; ich bin gerächt! Racheee!...  Mensch, lass mich in Ruhe; ich bin ja gleich weg; warte nur, bis sich meine Aufregung legt. Nur eins möchte ich noch tun, so wie in meiner Jugend, als ich an diesem Punkt gelangte, wo der Elan mich trug: ich will das Rachegedicht meines damaligen Mentors aufsagen, Constantin Mille, der 1907 zum Verräter wurde!...In meinem Leben begegnete ich vielen Verrätern, aber ich gebe nicht auf!...“
Dann nahm er das Mädchen auf den Arm und sie gingen fort, beide glücklich und zufrieden, als ob sie miteinander in einer geheimen Sprache kommunizierten. Sein stürmisches Wesen beunruhigte das Kind keineswegs und so ertönten die Verse zugleich in seiner tiefen Tonlage und in der kindlichen, melodischen Stimme des Mädchens.  Dies gefiel dem kleinen Paul, der begeistert applaudierte und bald steckte er auch seinen Vater mit seinem Enthusiasmus an. Wie aus einem Gewehr geschossen erklangen die Worte aus der Ferne:
...Ihr sagtet´s: gebraucht wird ein Stapel Verbrechen
Mit Tränen und Blut seit Jahrzehnten gefestigt,
Um unsere Auserwählten der Masse zu entnehmen
Die diese Menschheit zum fernen Ziel führen sollen.

Ihr sagtet´s: die Träumer humaner Gesetze
Verrückt und chaotisch das Volk rebellierend:
Der Sonne gleich wandern auf ewigen Pfaden
Auf  Wege die gleichen dem menschlichen Fluss.

Ihr sagtet´s: ab morgen wird dies eure Rede
Selbst wenn auch wir, Narren gleich tönen wie ihr:
„Beherrscht wird die Welt durch den Stärksten von Allen”,
In Tränen ihr weinet, doch wir lachen drum!...
 
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Produs Port@Leu | ISSN 1842 - 9971